| Frauenschicksale |
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Frauenschicksale in früheren Zeiten Als junge Ehefrau im Kindbett zu sterben oder nahezu während des ganzen Ehestandes schwanger zu sein, das war das Los, das vielen Frauen in früheren Zeiten vorgegeben war. Als Beispiel soll das Schicksal der Therese Tamerl aus Zams aufgezeigt werden. Theres Tamerl wurde am 4. Oktober 1806 in Zams geboren [1] . Sie war die jüngste Tochter des dortigen Säcklermeisters und Sternwirtes Jakob Tamerl und der Maria Theresia Hofer. Von ihren elf Geschwistern waren sieben im zarten Kindesalter verstorben. Joseph Tamerl, ihr ältere Bruder, ist der Begründer der Zammer Baumwollwaren- und Seidenzeugfabrik, des bedeutendsten Unternehmens im Bezirk Landeck in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts. Am 14. Juli 1828 [2] heiratete Theres Tamerl den Goldadlerwirt von Landeck, Johann Georg Urich. Pünktlich nach neun Monaten erblickte am 27. Mai 1829 [3] der Sohn Wilhelm das Licht der Welt. Dieser verzog als junger Mann nach Hall und ehelichte Genovefa Wegscheider, die Tochter des Wirtes "Zum Goldenen Kreuz". Als angesehener Bürger übte er in der Salzstadt auch das Amt des Bürgermeisters aus. Das zweite Kind ist die Tochter Maria Aloisia, die am 28. Juni 1832 [4] geboren wurde. Sie starb zwanzig Jahre später an Lungenschwindsucht. Ziemlich genau ein Jahr später, am 7. Jänner 1842 [16] , schenkte sie der Tochter Maria Lucia das Leben. Sie ehelichte am 21. Juli 1862 den in Landeck tätigen und verwitweten k.k. Forstkommissär Stefan Aigner. Als Therese Urich nach einem weiteren Jahr, am 29. Mai 1843 [17] , der Tochter Maria das Leben schenkte, mußte sie ihr eigenes Leben dafür hingeben [18] . Sie war erst 36 Jahre alt. Im Sterbebuch ist vermerkt: Tod in Folge der Entbindung. In nicht einmal fünfzehn Ehejahren hatte sie zwölf Kinder geboren. Taufpaten aller ihrer Nachkommen waren ihr Schwager Johann Witting und dessen Ehefrau Maria Lindenthaler, die den Gasthof Stern in Zams, den sie als Mitgift bekommen hatte, bewirtschafteten. Zur Abwicklung des Verlassenschaftsverfahrens verkaufte die Vormundschaft diesen Besitz in Zams dem Johann Tamerl um 7.200 Gulden [19] . Ein Frauenschicksal anderer Art ist das der Anna Müller in Bruggen. Sie war am 27. Oktober 1862 [20] als Tochter des Kleinbauern Alois Müller und der Katharina Pleifer auf die Welt gekommen. Die Familie wohnte zuerst am Leitenweg und später in ihrem Neubau in der heutigen Kreuzgasse Nr. 4. Im Jahre 1905 [21] übernahm Anna Müller das väterliche Anwesen, zu dem auch eine kleine Landwirtschaft gehörte. Die Schulden, die darauf lasteten, waren ebenso hoch wie der Wert des ganzen Besitzes. Zudem mußte sie den Vater auf Lebenszeit verpflegen und den drei Kindern ihres bereits verstorbenen Bruders Anton Müller bis zu ihrer Selbständigkeit den Unterhalt gewähren. Nach der Inbetriebnahme der Arlbergbahn und besonders nach der Jahrhundertwende, gab es in Landeck einen sichtlichen Aufschwung im Tourismus. Da Anna Müller an das Haus gebunden war, suchte sie um die Konzession als Fremdenpension an, um einen bescheidenen Lebensunterhalt zu verdienen. Doch nun bahnten sich ungeahnte Schwierigkeiten an. Die ansässigen Wirte waren strikt gegen eine Konzessionsverleihung. Die Behörde sah den Bedarf als gegeben an und erließ einen Bewilligungsbescheid. Gegen diesen Bescheid berief die Gemeinde. Ein Wirt, der auch im Gemeindevorstand vertreten war, legte das Vorleben der Frau auf äußerst gehässige Weise offen. So hatte Anna Müller zur Zeit des Bahnbaues einen Trentiner namens Masagranda kennengelernt. Als die Beziehung nicht ohne Folgen blieb, teilte sie es ihm mit. Er lebte inzwischen wieder in seiner Heimat im sonnigen Süden. Darauf kam ein Brief in italienischer Sprache, den die ahnungslose Frau einer benachbarten Welschtirolerin, Frau Rappa [22] , zum Übersetzen gab. In diesem Brief schrieb der gute Mann, er habe schon eine Ehegefährtin und "zwei Frauen nebeneinander tun nicht gut" [23] . So eine Geschichte konnte natürlich nicht geheim bleiben; Anna Müller hatte nun neben der Schande auch den Spott zu verkraften. Am 21. März 1884 [24] gebar sie die Tochter Aloisia. Dann gewährte sie einem Mörder namens Franz Zangerl [25] nach dessen Entlassung aus der Strafanstalt Unterkunft. Eine gemeinsame Wallfahrt nach Maria Einsiedeln wurde Anna Müller als Vergnügungsreise vorgehalten. Und schließlich suchte noch der Gerichtsdiener Josef Waxstätter, dessen Ehe zerrüttet war, Trost bei Anna Müller. Diese Besuche wurden vom Nachbarhaus aus beobachtet, und als man den biederen Mann einmal auf dem Schoß der Frau sitzen sah, war sogar von Hurerei die Rede. Eine fromme Bürgersfrau in Bruggen schleuderte einen mittelgroßen Stein durch das Küchenfenster, um dem unsittlichen Treiben ein Ende zu bereiten. Auf mehreren handgeschriebenen Konzeptseiten sind die nach heutigen Begriffen unvorstellbaren Verunglimpfungen gegen Anna Müller aufgelistet, die schließlich beim Innsbrucker Rechtsanwalt Dr. Ludwig Duregger einen Beistand fand, der dem Wirt mit einer Klage drohte. Nach zähen Verhandlungen kam ein Vergleich zustande. Den Betrag von 25 Kronen, den der Wirt dem Anwalt zu zahlen hatte, ließ er sich von der Gemeinde vergüten, was ein Jahr darauf bei der Überprüfung der Jahresrechnung zu einem Eklat führte. Der Eröffnung der Pension Edelweiß stand nun nichts mehr im Wege, doch finanzielle Sorgen waren an der Tagesordnung. Am 25. April 1910 heiratete Anna Müller den dreizehn Jahre jüngeren Fleischhauergesellen Friedrich Gassner [26] , der nach Ablegung der Meisterprüfung einen bescheidenen Anbau aufführen ließ, darin eine Metzgerei eröffnete und sich redlich um eine Verbesserung der wirtschaftlichen Misere bemühte. Der Erste Weltkrieg und die folgende Inflationszeit verschlimmerten die wirtschaftliche Lage weiter. Als 1926 im Haus ein Feuer ausbrach, mußte ein Kredit zu 12 % Zinsen aufgenommen werden, um die Instandsetzung des Daches zu finanzieren. Das führte 1928 schließlich zur Versteigerung des Besitzes [27] . Das Ehepaar Gassner zog nach Arzl im Pitztal, wo Anna Müller am 12. Mai 1930 im Alter von 62 Jahren verstorben ist. Ihr Leben war gekennzeichnet von Arbeit, Not und Demütigungen. Ein völlig konträres Frauenschicksal ist jenes der Postwirtin Anna Gasser. Sie wurde am 14. März 1840 in Inzing als Tochter des dortigen Gerbermeisters Johann Gasser und der Maria Vonbank geboren. Im Alter von 25 Jahren [28] ehelichte sie den verwitweten Postmeister von Landeck, Josef Müller. Er war elf Jahre älter als seine Frau und hatte aus seiner ersten Ehe den Sohn Christian zu versorgen. Anna Gasser gebar am 21. März 1866 [29] ihren einzigen Nachkommen, den Sohn Josef, den letzten k.k. Postmeister in Landeck. Nach sechs Ehejahren starb der Mann, und Anna Müller hatte nun die volle Verantwortung für den großen Besitz zu tragen. Dazu gehörten neben dem Gasthof "Schwarzer Adler" und der "Post" noch zahlreiche landwirtschaftliche Grundstücke. In der Verlassenschaftsabhandlung erreichte sie, daß ihrem Stiefsohn Christian jegliche Fähigkeit zur Führung eines so großen Betriebes abgesprochen wurde und er lediglich 3.800 Gulden als Abfertigung erhielt [30] . Um die wirtschaftliche Situation des Postwirtshauses abzusichern, verkaufte Anna Müller unter Zurückbehaltung der Äcker und Wiesen das Schwarzadlerwirtshaus, auf dem hohe Schulden lasteten [31] . Beim Bau der Arlbergbahn erwies sich Anna Müller als geschickte Verhandlerin bei der Ablöse ihrer Grundstücke. Sie richtete, anläßlich der Eröffnung der Bahn das Galadiner für die Festgäste aus; sie ließ die erste private Telefonleitung von der Bahnhofrestauration zu ihrem Gasthaus errichten. Als erstem Pächter hatte sie ihrem Bruder Karl Gasser dort eine Existenz verschafft. Sie ließ als erste in Landeck eine Brunnenleitung von ihrer privaten Quelle am Katlaun in ihr Haus herstellen. Sie legte auch den Grundstein für den späteren Umbau in ein Hotel und besorgte günstige Kredite. Bei allen ihren Vorhaben dürfte die Beziehung zu zwei hochgestellten Verwandten von Vorteil gewesen sein. Ihrem einzigen Sohn und Nachfolger Josef ließ sie eine strenge Erziehung angedeihen, die auch über ihren Tod hinaus wirkte. Am 17. März 1891 [32] schloß Anna Müller für immer ihre Augen. Schon seit Jänner waren aus Rücksicht für diese außergewöhnliche Frau im Hotel keine Faschingsveranstaltungen abgehalten worden. Das "Oberinntaler Wochenblatt" brachte in der Nr. 12, vom 21.3.1891 einen längeren Nachruf mit der Würdigung ihres Lebenswerkes und einer Biographie. So wird erwähnt, daß der Brixener Erzbischof Vinzenz Gasser ein Bruder ihres Vaters und der gleichnamige Notar und Reichsratsabgeordnete Vinzenz Gasser ebenfalls ein naher Verwandter seien. Die "Neue Innzeitung" Nr. 12, vom 22.3.1891 brachte ebenfalls einen kurzen Nachruf, der nachstehend wiedergegeben wird. Nr. 12, vom 22. März 1891: Landeck. Am 17. ds. gegen 4 Uhr früh starb die in den weitesten Kreisen bekannte Frau Postmeister Anna Müller geb. Gasser im Alter von 51 Jahren. Die Verstorbene war sowohl als fromme, als auch sehr energische Frau bekannt. Setzte sie z.B. irgend etwas in Bau- oder Verkehrsangelegenheiten bei den Lokal- oder Innsbrucker Behörden nicht durch, fuhr sie straks nach Wien, bestürmte die Minister, bis sie das erreichte, was sie vor hatte. Frau Müller war seit einigen Monaten schwer krank und der Tod kam nur zu ihrer Erlösung. Der Sohn Josef Müller konnte als Alleinerbe ein beachtliches Vermögen und einen geordneten Betrieb übernehmen. Ein Jahr nach dem Ableben der Postmeisterin Anna Müller, am 27. September 1892 [33] ehelichte der Sohn Josef Maria Baumann, die Tochter des Postmeisters von Achental, Anton Baumann und der Maria Loinger. Sie war 21 Jahre alt und gebar ihrem Mann ein Jahr später den Sohn Johann Anton Peter und am 7. Dezember 1895 den Sohn Christian Josef Hermann. Diese beiden Buben starben im Kindesalter. Am 10. März 1897 erblickten die Tochter Anna, am 29. Jänner 1902 der Sohn Hans und am 16. März 1906 die Tochter Herta das Licht der Welt. In die Ehezeit der Maria Baumann fällt der Umbau vom Landgasthof zum Hotel (1895), der Brand des stolzen Hauses (1909) und der folgende Wiederaufbau. Der Erste Weltkrieg setzte dem blühenden Tourismus ein jähes Ende, und der Tod von Josef Müller im dritten Kriegsjahr, am 1. Juni 1917, überforderte die Frau, die bei weitem nicht das Format ihrer Schwiegermutter erreichte, sichtlich. Italienische Besatzungsoffiziere, die 1818/19 im Hotel einquartiert waren, verdrehten sowohl der Mutter, als auch beiden Töchtern die Augen. Die ältere der beiden, Anna Müller, die mit dem ansässigen Arzt Dr. Erwin Rochelt verheiratet war, ließ sich scheiden, um den Offizier Graf Landro zu ehelichen. Binnen weniger Jahre war der gesamte Besitz verkauft und vertan. Am 17. Feber 1925 starb in Meran die Tochter Herta und drei Monate darauf verunglückte der Sohn Hans unter mysteriösen Umständen. Die Mutter, die vor dem Nichts stand, zog in die Schweiz, wo sie als Beschließerin in einem Hotel arbeitete und am 5. Juli 1965 im Alter von 94 Jahren den erlösenden Tod fand. Ein Bild von Thomas Riß im Schloßmuseum Landeck ist die einzige Erinnerung an diese Frau in Landeck. Georg Zobl [1] Taufbuch Zams, Band C, Seite 193 |



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