| Der Bauernkrieg unter Michael Gaismair |
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Seite 4 von 9 Die Vorgeschichte des Aufstandes
„Es gärte schon lange in Tirol. Die Steuerpolitik war erpresserisch, der Regierungsstil arrogant und feudal, der Hochmut der Beamten tat sein übriges. An die Kirche waren über hohe Steuerleistungen zu erbringen. [...] Hunger, Pest und Hochwasser suchten zwischen 1500 und 1525 gerade die ärmeren Schichten heim. Die Venezianerkriege und die ständigen Truppendurchzüge hatten die Kassen geleert und die Missstimmung vergrößert."[35] Nach dem Tod Maximilans und der Übernahme der Regierung durch die Stände 1519 (bis zur Ankunft eines neuen Fürsten), kam es ab 1520 in einigen Tiroler Gebieten zu lokalen Aufständen der Bauern. „In vielen Tälern, auch Welschtirols, gingen nun Amtsstuben, Kloster und Widumsgebäude in Flammen auf."[36] Viele Bauern suchten wieder das alte Recht der Allmende zu verwirklichen, indem sie landesfürstliches Wild wilderten, Zäune einrissen und Wälder nach Bedarf holzten. Dennoch beschritten diese Gruppen auch den legalen Weg und reichten Beschwerden bei der Regierung in Innsbruck ein. „Auch von der Möglichkeit prozessualen Vorgehens gegen Übergriffe der Grundherren oder ihrer Beamter wurde reichlich Gebrauch gemacht. [...] Schon 1517 waren im Landtag von der Regierung angewandtes absolutistisches Staatsrecht und von den Ständen verteidigtes historisches Landesrecht hart aufeinander geprallt."[37] Letztendlich wollten die Aufständischen einen eigenen Bauernlandtag abhalten, um die weltliche bzw. geistliche Herrschaft abzuschütteln, vor allem die damit verbundenen Zinse bzw. Steuern und formulierten radikale Ziele, die allerdings nie politisch umgesetzt wurden - die politische Elite Tirols trat nie in ernst gemeinte Verhandlung mit diesen Gruppen. Das Handelshaus Fugger förderte die Not im Lande durch große Finanzspekulationen, zudem war es diese Familie, die den Landesherrn in finanzieller Abhängigkeit hielt. Andere Kaufmanns- und Handelsfamilien, etwa die Paumgartner, Hochstetter und Stockl, hatten sich durch unfaire Gehälter bei der Mehrheit der Tiroler Bevölkerung unbeliebt gemacht. Vom 16. April bis zum 21. Mai 1523 fand der erste Landtag unter Ferdinand statt, der zuvor am 7. Februar alle österreichischen Besitzungen als erbliche Lehen von Seinem Bruder Kaiser Karl V. erhalten hatte. „Ferdinand betonte immer wieder, er sei lediglich Gubernator und deswegen nicht befugt, weitreichende Entscheidungen zu fällen - ein Schachzug, den er noch 1525 anwandte, um bestimmten Forderungen der unteren Stände auszuweichen. Die Stände ihrerseits verkannten die Lage. Sie übersahen das revolutionäre Potential innerhalb der Volksbewegung und glaubten an eine Bereitschaft des neuen Landesfürsten, notwendige Reformen durchzuführen. Der Landtag begann mit einem >>Paukenschlag<<. Gleich in der Eröffnungsrede verlangte Ferdinand eine Steuer in Höhe von 150.000 Gulden. Nach langwierigen Verhandlungen sagten die Stände dem Landesfürsten den vollen Betrag zu."[38] Erzherzog Ferdinand war zwar einerseits ein Meister von Versprechungen und im Ausspielen der Standesinteressen seiner Bürger, Zugeständnisse verwirklichte er nur halb, andererseits war er keineswegs ein auf sozialen Ausgleich bedachter Herrscher. „Ferdinand erwies sich als gewiegter Taktiker und begann die Bauern gegen die ebenfalls unzufriedenen Schwazer Bergknappen auszuspielen, um eine gemeinsame Front zu unterlaufen. Er spekulierte bei einem Innsbrucker Teillandtag auch mit den Vorurteilen der reichen Bauern gegen die Masse der armen Landbevölkerung."[39] Ebenso wurde am Landtag Sanierungsprogramm diskutiert, das die Ablöse der Verträge mit den Fuggern und anderen Handelsgesellschaften zum Inhalt hatte. „Um die Einnahmen aus dem Bergbau zu erhöhen, schlugen die Stände vor, die Ende 1523 auslaufenden Kupferverträge mit den Fuggern nicht zu erneuern, der Gesellschaft die Rattenberger Hütte zu entziehen und wieder in eigene Verwaltung zu übernehmen sowie die Verschreibungen auf Kupfer und Silber, speziell auf das Schwazer Silber, zurückzuerlangen."[40] Nachdem dieser Aufforderung von Landesfürstlicher Seite mit Untätigkeit begegnet worden war (der Landesfürst wollte die ständische Macht in Tirol weiter schwächen und wehrte die Angriffe auf die Fugger als nichtig ab), wurde am Landtag im Juni 1525 gefordert die Handelsgesellschaften überhaupt abzuschaffen. Diese Entwicklung findet sich später in der Landesordnung des Michael Gaismair als Postulat verschriftlicht. Um diese beinharte realpolitischen Situation des Jahres 1525 und deren Auswirkungen zu illustrieren, sei an dieser Stelle Kassian Primiser zitiert, der 1771 verstorbene Chronist des Stiftes Stams. „Die aufständischen Oberinntaler stürmten Mitte Mai haufenweise das Kloster Stams, vertrieben Abt und die Mönche, raubten was in ihre Hände fiel, und - was besonders bedauerlich ist - auch schriftliche Urkunden, schleppten die Lebensmittel fort, trieben das Vieh mit sich und hielten das Kloster selbst einige Zeit mit einer Schar wilder Männer besetzt, bis sie endlich auf Befehl des Erzherzogs Ferdinand, welcher die Güter von Stams für die fürstliche Kammer in Anspruch nahm, das Kloster räumten. Zum ungeheuren Schaden, der unserem Kloster zugefügt wurde, kam insbesondere noch dazu, dass es zwei Jahre lang keinen Zehent und nur wenig Zinsen empfing."[41] Ähnliche Gegebenheiten spielten sich südlich des Brenners ab. Nachdem die Brixener Bauern Steuerabgaben verweigert hatten, ließ das bischöfliche Gericht 47 Bauern köpfen, auch nahmen Folter- und Strafexpeditionen zu. Durch die Erfolge des Deutschen Bauernkrieges ermutigt, rüsteten sich die unteren sozialen Schichten der Bauern für einen Aufstand. „Die Bauern erhoben sich auch in Gegenden, in denen gar keine Leibeigenschaft bestand. Dass die seit 1450 zu beobachtende starke Bevölkerungszunahme mit einem Überangebot an Arbeitskräften eine Schlechterstellung der unteren Schichten zur Folge hatte, dürfte außer Zweifel stehen. [...] Gerade deshalb wollte die in den Kämpfen 1524/1526 führende bäuerliche Ehrbarkeit unter Berufung auf ihr (im alten Herkommen und in der Bibel begründetes) Recht nicht bloß die Vorrechte der Privilegierten abschaffen und die Rechtsgleichheit mit diesen herstellen, sondern ihre Stellung auch gegen nachdrängende bäuerliche Unterschichten verteidigen."[42] Es kann zusammenfassend also nicht von einer hegemonialen bäuerlichen Klasse gesprochen werden, die sich in revolutionärer Art erhob. „Enorm war die Kluft zwischen Vollbauern, als Gruppe die >>Ehrbarkeit<< genannt, und dem >>Pofl<<: den Sölleuten, Landhandwerkern ohne nenneswerten Besitz, Tagewerkern, Knechten und Mägden. Diese ganz oder fast Grundbesitzlosen hatten sogar in ihrer Gemeinde kaum Rechte. Von Gerichtsversammlung und Landtag waren sie völlig ausgeschlossen."[43] Zu alledem waren am Brixener Aufstand auch Bürger beteiligt, wie später noch genauer zu erklären sein wird. „Der Versuch Gaismairs Motive unbedingt und ausschließlich mit der Bauernbewegung in Zusammenhang bringen zu wollen, ignoriert die aktive Beteiligung von Bürgern am Aufstand."[44] Seit 1448 hatte der Bischof von Brixen den Bürgern der Stadt das Wahlrecht für den Bürgermeister entzogen, sie durften nur noch einen Dreiervorschlag dem Domkapitel einreichen und der Stadtrichter, welcher dem Bürgermeister übergeordnet war, wurde direkt vom Bischof eingesetzt. „So konnte trotz des Rechtes der Bürger, einen zwölfköpfigen Ausschuss zu wählen, von einer Selbstverwaltung, wie sie in landesfürstlichen Städten Tirols üblich war, nicht die Rede sein."[45] Im Sommer 1523 ernannten die Bürger daher einen selbst gewählten Stadtrat und änderten eigenmächtig das Wahlrecht, woraufhin der Bischof nach einigen Verhandlungen den Stadt als „Ausschuss" anerkannte. Die Brixner wollten von nun an Konflikte friedlich lösen, aber der Bischof und seine Räte, die den Ausschuss, sobald es um die wirtschaftlichen Interessen der Geistlichkeit ging, stets vertrösten, signalisierten lediglich vordergründig Kompromissbereitschaft. Als ein Mitglied der Familie Paßler aus dem Antholzer Tal nahe Bruneck seines Amtes als bischöflicher Fischer enthoben wurde, führte dies zu schweren Auseinandersetzungen der Familie unter Führung von Peter Paßler mit dem neuen Fischer und der bischöflichen Obrigkeit - die Familie scheute nicht vor Mord und Brandlegung zurück. Der bischöfliche Gegenschlag war die Erklärung der Familie als „friedlos" bzw. die darauf folgende Inhaftierung Peter Paßlers. Ausgesprochen wurde dieses Urteil zwar vom Brixner Gericht, aber Bischof Sprenz hatte anstelle der zwölf städtischen Geschworenen acht ortsfremde Männer und nur vier Einheimische zur Beratung herangezogen. „Die den Bürgern zugewiesene Aufgabe, Pässler zum Gericht zu führen und das Gebäude während der Verhandlungen zu bewachsen, erniedrigte sie zu Handlangern bischöflicher Justiz."[46] Am 9. Mai 1525 wurde in Brixen das Todesurteil gegen Peter Paßler verkündet. Als der Verurteilte zum Richtplatz geführt wurde, strömten viele Frauen herbei, die um die Begnadigung baten, was aber den Bischof unberührt fortfahren ließ. Am Hofplatz fielen Bauern mit gezogenen Waffen ein und befreiten einen Rechtsbrecher, in dem sie aber ausschließlich einen Leidensgenossen gegen die bischöfliche Unterdrückung sahen. „Am 10. Mai 1525, kurz vor Paßlers Hinrichtung, wandten sich die aufgeregten Bauern aus Brixen und Umgebung gegen den Bischof. "[47] So kam es, dass Peter Paßler befreit wurde, sich den Aufständischen anschloss, um später von einem seiner eigenen Leute ermordet zu werden. „Am Beginn des Bauernkrieges stand (das steht nach wie vor fest) keine Verschwörung, keine Verabredung entschlossener Revolutionäre über die Territorialgrenzen hinweg, sondern ein lokaler Aufstand, der sich flugfeuerartig ausbreitete. Erst dann schlossen sich aller Orten die Bauern zusammen, wurden aus 100 und 200 3000 und 4000, entstanden die >>Haufen<< als neue Organisationsform unter den selbst gewählten Hauptleuten. Es gab eine innere Bereitschaft zur Erhebung, nicht aber eine planvolle Vorbereitung. Und diese innere Bereitschaft ist sicher durch die Reformation, durch die Rückführung der Lebensgrundlagen auf das Evangelium gefördert worden."[48] Dennoch war die Bauernrevolte kein Religionskrieg.
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