Der Bauernkrieg unter Michael Gaismair PDF Drucken E-Mail
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Exkurs zum Schwazer Silberbergbau

„Das Montanwesen des 16. Jahrhunderts stellte in weiten Gebieten neben der Landwirtschaft den wichtigsten Sektor der Wirtschaft dar, was auch die Zeitgenossen erkannten und immer wieder betonten. "[11] Landesfürst Sigmund dem Münzreichen ist die gesetzliche Grundlage für den Bergbau in Tirol zu verdanken, das Kapital stammte wiederum von bürgerlichen Kaufleuten aus Hall und Innsbruck, wie etwa Tänzl, Stöckl oder Fiegl. „1468 wurden Adel und Prälaten wie Städte und Gerichte zur Steuerkonkurrenz herangezogen, die Wehr- und Reispflicht im Rahmen der Grafschaft Tirol wurde seit dem frühen 15. Jahrhundert auch auf Bauern und Bürger ausgedehnt und so die Schutzfunktion des Adels von dieser Seite her gewissermaßen überflüssig. Verstärkt wurde dieser Eindruck durch den wirtschaftlichen Niedergang breiter Schichten des Adels im Spätmittelalter."[12] Da also im 15. Jahrhundert die Steuerfreiheit von Adel und Klerus in Frage gestellt worden, wurden kapitalkräftige Bürger zur Finanzierung landesfürstlicher Unternehmungen immer öfter herangezogen. „Nicht zuletzt durch das Gewicht der bürgerlich-bäuerlichen Vertretung auf dem Landtag konnten seit den Tagen Herzog Friedrichs IV. auch die adeligen Dienstleute vom Landesfürsten besteuert werden. Friedrichs Sohn, Sigmund, hat seine chronische Finanznot durch Mitheranziehung der beiden privilegierten Stände zur Steuerleistung zu beheben gesucht."[13] Sigmund aber war es auch, der permanent in massive Geldnöte geraten, den gesamten Bergbau an ausländische Geldgeber verpfändete - in Schwaz waren dies hauptsächlich die Fugger aus Augsburg. „Die Jahre 1450 und 1560 waren die Blütezeit von Schwaz. Es wurden an die 3 Millionen kg Silber und 57.000 Tonnen Kupfer gewonnen. Dies entsprach einem Wert von über 300 Millionen Gulden. Daraus kann man ermessen, dass Schwaz nicht nur eine der vielen Bergbaustädte der damaligen Zeit, sondern die [sic.] Bergbaustadt der österreichischen Erblande, die finanzielle Grundlage des entstehenden habsburgischen Weltreiches, eine entscheidende Basis des europäischen Handels der Augsburger Kapitalgesellschaften und somit eine Bastion des Wirtschaftsgefüges des 16. Jh.s war."[14] Die 20 Schmelzwerken wurden von über 15.000 Knappen mit Rohmaterial versorgt, dass sie in mehr als 200 Stollen zuvor abgebaut hatten. „Die Schwazer Bergknappen waren auch im Ausland wegen ihrer Tüchtigkeit gefragt. Sie wurden oft in andere Länder gesandt und entwickelten dadurch ein starkes Selbstgefühl. Bis zum Ausbruch der Reformation beteiligten sich die Knappen an zahlreichen Stiftungen und Kirchenbauten. Auf ihre alten Rechte und Freiheiten pochten sie mit großem Stolz. Die Scheidung vom Bürgertum wollten sie sogar in kirchlichen Dingen durchführen. Bekannt ist z.B., dass die Schwazer Pfarrkirche deshalb vierschiffig erbaut wurde, weil die Knappen eine Hälfte für sich beanspruchten."[15] Die erwähnte Bergbaufreiheit gestattete dem Bergmann überall wo er Erz vermutete, ungeachtet der herrschenden Grundeigentumsverhältnisse, zu graben. In der Realität aber war die Lehenschaft im Tiroler Bergbau von zentraler Bedeutung, wobei „[...] der Häuer einen Teil des Grubenfeldes von den Gewerken zu Lehen nahm, die die Zubußen weiter bezahlten und auch die Arbeitsmittel zur Verfügung stellten, dem Häuer aber keinen Lohn gaben. Vielmehr erhielt dieser einen Anteil am geförderten Erz, das er dann wie ein Kleingewerke an die Hütten verkaufen oder auf eigene Rechnung schmelzen lassen konnte und auch entsprechende Abgaben leisten musste. [...] Jedenfalls waren unter den 3210 Häuern des Falkensteins [Name des Bergbaugebietes in Schwaz; Anm.] im Jahre 1554 nur 580 Herrenhäuser im Zeitlohn und 850 Häuer im Gedinge, aber 1780 Lehenhäuer."[16] Dies zeigt die starke soziale Differenzierung der Knappenschaft eindringlich, sowie ihren hohen Anteil an niedrigen, von Gewerken abhängigen Arbeitern. Innerhalb der Bergwerke bildeten sich so kapitalistische Produktionsverhältnisse und soziale Widersprüche heraus, die bereits seit der zweiten Hälfte des 15. Jahrhunderts zu vielfältigen Konflikten geführt hatten. „Zu den Schattenseiten des Schwazer Bergwerkbetriebes gehörten die Knappenaufstände. Sie wurzelten in den Unstimmigkeiten zwischen Arbeitgebern und Arbeitnehmern. Dazu war die Zeit nach 1500 durch große Unruhen auf religiösem Gebiet gekennzeichnet. Die neuen Lehren Luthers und der Wiedertäufer fanden gerade in Schwaz bei den Knappen guten Nährboden."[17] Viele Bergbauarbeiter stammten aus bäuerlichen Familien, die nach 1500 dem Bergbau zugeströmt waren, denn bei neuen Erzfunden war plötzlich und in großen Mengen ein Arbeitskräftebedarf gegeben. „Aus der Sicht der Bergleute, genauer gesagt der reinen Lohnarbeiter unter den Bergleuten, musste man sich geschädigt fühlen, wenn in Zeiten eines geringen Arbeitskräftebedarfs Bauern weiter im Bergbau arbeiteten, obwohl sie ausreichend Nahrung auf dem Dorfe hatten."[18]

Bereits 1501 hatte es Streiks seitens der Bergleute wegen zu harter Arbeitsbedingungen gegeben und bis 1512 hielten sie regelmäßig Bergsynoden ab, das waren Beschluss fassende Gremien, die Petitionen an den Landesfürsten sandten. „Bereits 1520 nahm die Unzufriedenheit unter den Bergarbeitern solche Formen an, dass die Regierung Kommissare nach Schwaz entsenden musste, um diese zu beruhigen.  Insbesondere war sie wegen der Berichte besorgt, dass die Arbeiter geheime Versammlungen durchführten."[19] Unter den Bergknappen gab es vermehrt Anhänger der Reformation, welche aufgrund der zunehmenden Repressalien durch Erzherzog Ferdinand in immer höheren Mengen Tirol verließen. „Auch im Sturmjahr 1525, während der Bauernkriege, zogen die Schwazer Knappen wiederholt nach Innsbruck, um ihre Forderungen durchzusetzen. Sie konnten nur mit Mühe vom jungen Landesfürsten Ferdinand zufrieden gestellt werden."[20] Grund für diese Beutezüge im Schatten der Bauernkriege war einerseits die inkonsequente Tarifpolitik im Montanwesen durch den Landesfürsten und andererseits die soziale Härte seitens der Großgewerken. „Die Bergarbeiter sahen in der ersten Phase des Aufstandes in ihrem Landesfürsten nicht den Kontrahenten, sondern den Schlichter und Beschützer ihrer Freiheiten gegen die Willkür der Unternehmer."[21] Diese forderten höhere Schichtdauer zudem geringere Löhne für die Knappen, Aufstockung des Arbeitstages von 8 auf bis zu 12 Stunden, sowie die Abschaffung etlicher Feiertage im Namen der Profitmaximierung. Am 21. Jänner 1525 kam der Protestmarsch zum ersten Mal in Hall an, wo sie auf Ferdinand trafen, der nach intensiven Verhandlungen die ihm überbrachten Beschwerden zu erforschen und eventuell aufgetretene Missstände zu berichtigen versprach. „Jedenfalls versuchten die Schwazer, ihr Projekt schnell und ohne größeres Aufsehen zu realisieren."[22] Es geschah dennoch nichts, woraufhin am 14. Februar 1525 etwa 6000 bewaffnete Bergleute sich wiederholt nach Innsbruck aufmachten und erneut kam ihnen Ferdinand in Hall entgegen. Bauern und Bürger aus Hall hatten sich den Protestierenden bereits angeschlossen und so blieb dem Landesfürsten nicht viel übrig, außer der Anerkennung der Forderungen. „Alle seine Zusagen an die Bergarbeiter musste Ferdinand, gegen seinen erklärten Willen in einem Libell zusammenfassen, und den Aufständischen mit Unterschrift und Siegel zur Urkunde geben."[23] Inhaltlich bestätigte der Erzherzog die alten Freiheiten aus der Zeit Kaiser Maximilians, garantierte diverse ökonomische Verbesserungen, wie etwa die termingerechte Auszahlung des Lohns und versprach vor allem den Fuggern das Hüttenwerk wieder abzukaufen, um es erneut unter fürstliche Verantwortung zu stellen. Damit glaubten die Schwazer Arbeiter die Montanpolitik des Landesfürsten nachhaltig bestimmt zu haben. „Das Verhalten der Schwazer Großgewerken zeigt eine erstaunliche Eigenmächtigkeit gegenüber Ferdinand. Im Allgemeinen gingen Bergordnungen vom Landesfürsten aus."[24] Dieser hatte massive Bedenken, dass Bergarbeiter und aufständische Bauern zusammen eine Front bilden könnten, weshalb er versuchte die ersteren nicht nur mit schriftlichen Zugeständnissen zu beruhigen. „Die Bergknappen nahmen zwar auf Einladung Erzherzog Ferdinands noch an dem Innsbrucker Teillandtag Ende Mai teil und brachten hier bisher nicht abgestellte Klagen vor. Doch ließ man es dabei bewenden."[25] Die Bergknappen waren nicht unmittelbar in den Tiroler Bauernaufstand integriert worden. „Ferdinand, der vor allem durch den Ausbruch des Tiroler Bauernkrieges im Mai 1525 und wegen der Beteiligung von Teilen der Knappenschaft an demselben zur Vorsicht gemahnt war, wandte sich schließlich gegen die geforderten Neuregelungen im Montanwesen."[26] Wenige tausend Knappen beteiligten sich daraufhin an den Bauernkriegen, vor allem in den Salzburgischen Gebieten, konnten aber zur Verbesserung der eigenen Situation nicht mehr wesentliches beitragen. „Schwaz blieb ein ständiger Unruheherd, der von der Regierung mit äußerstem Misstrauen und großer Besorgnis unter Kontrolle gehalten wurde. Eine latente Unzufriedenheit machte sich auch nach dem Februar 1525 in verschiedenen Aktionen Luft, und schätzungsweise etwa 2000 - 3000 Arbeiter verließen von 1523 bis 1525 Schwaz, entweder um den Repressalien gegen die Anhänger des Luthertums zu entfliehen oder um sich den Aufständischen in anderen Gebieten anzuschließen."[27] Ab der Mitte des 16. Jahrhunderts wurde die Ausbeute der Bergwerke immer geringer, der soziale Niedergang der Knappen nahm dadurch seinen Anfang und längst hatten die Fugger die Kontrolle über den Bergbau in Tirol inne.



 

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