Streiflichter zur katholischen Kirche Innsbrucks während der so genannten 68er Revolution PDF Drucken E-Mail
Beitragsinhalt
2) Konfliktlinien in der Jugendarbeit der Diözese Innsbruck

Einerseits nahm in Tirol der 60er und 70er Jahre die katholische Kirche fast den Rang einer Landeskirche ein. Es gab eine äußerst enge Verzahnung zwischen Bundesland - „heiligem Land“ Tirol und katholischer Kirche. „Konkret für Innsbrucks Kirche in den Jahren 1963-1973 bedeutet dies: Land und Kirche Innsbrucks haben sich gegenseitig zu unterstützen, zu ergänzen, zu korrigieren, zu befreien, zu öffnen versucht und dies z.T. mit wirklichem Erfolg, ein Erfolg, der ohne dieses Zueinander sicher nicht zustande gekommen wäre. Dieses Sich-Helfen und Füreinander-Sorgen war geistiger und materieller Art bis hinein in die fühlbare Hilfe im Aufbau neuer Kirchen, in der künstlerischen Ausstattung des Inneren – jüngst etwa St. Norbert in Innsbruck – in der Förderung der Jugendarbeit und kultureller Einrichtungen, die der Kirche und ihrer Mission sehr nützen.“ [25] Diese enge Verbundenheit machte es auch möglich, dass die Tiroler Politiker im Konflikt „Rusch versus Kripp“ sich auf die Seite des Mächtigeren, also des Bischofs stellten: „Die gesellschaftlichen Verhältnisse hier im Land sind durch Herkommen so geheiligt, durch Tradition der verschiedene Autoritäten im Land so immobil, daß an eine Lockerung und Anpassung an die Erfordernisse der Zeit nicht oder noch nicht zu denken ist ...“, analysierte 1970 der 58jährige Hochschulseelsorger und Jesuit Emil Kettner die Lage. [26]

Andererseits war die Religion im Österreich der Nachkriegszeit und bis weit nach der "68er - Revolution" von einer bürgerlich-konservativen Theologie genährt, wie Sigmund Kripp konstatierte. „Der Orden richtete sich nach den Bedürfnissen von oben aus, orientierte sich nicht an der Situation und den sich daraus ergebenden Bedürfnissen der unterprivilegierten Menschen. Er selbst zählt eben auch zu den gesellschaftlich privilegierten Verbänden und vertritt daher deren Interessen. [...] Ich wünschte mir einen anderen als den im deutschsprachigen Raum real existierenden Orden. Ich wünschte mir einen Orden, der sich an der Situation, die sich in vierhundert Jahren geändert hatte, nicht an geschichtlich überholten Prinzipien orientierte." [27] Kripp glaubte und wünschte sich innerkirchliche Reformen, der von ihm erkannten Missstände, während Hubert Mohr aus der kommunistischen Perspektive ähnliche Missstände als Indiz für die Verbundenheit des Systems Kirche mit den kapitalistischen Machtträgern der damaligen Zeit ansah. Es „[...] erfuhr der politische Katholizismus als Repräsentant des militanten Antikommunismus einen großen Machtzuwachs, der sich sowohl auf ökonomischem als auch auf politischem Gebiete zeigt.“ [28] Obwohl Mohr die Entwicklung in der Deutschen Bundesrepublik der Zeit 1945 bis 1960 beschrieb, halte ich seine Analysen der Kirche für den gesamten mitteleuropäischen Raum jener Zeit für relevant.

„Da gibt es den Gott der Besitzer, der das Privateigentum zum Bestandteil des Glaubens macht; der alles weiß, dem durch höhere Schulbildung vor allem bürgerliche Kinder ähnlich werden [...] Es gibt den Gott der Strafe, der zum Polizisten von Lehrern und Eltern wird; und der Kommunisten frißt, um die Marktwirtschaft zu garantieren, wenn es sein muß, mit Waffengewalt. So entsteht ein Gott des Schreckengleichgewichts." [29] Die Realität des kalten Krieges, wie sie die Kirche in Europa erfuhr und erheblich mitbestimmte, wurde von Kripp in sarkastischen Tönen beschrieben. Diesen Gott der Besitzenden und der Elite, den die damalige Theologie verbreitete, erkannten auch kirchenferne Autoren: „Nun ist es eine bekannte Tatsache, daß viele Christen infolge der Macht der Tradition, aus familiären, persönlichen und gesellschaftlichen Rücksichten den öffentlichen und juristischen Austritt scheuen und sich mit der praktischen Entfremdung begnügen. Dieser „Entchristlichungsprozeß“ ist ein viel ernsteres Krisensymptom des Katholizismus. Die Kirche droht zu einer Elitekirche ohne Massen zu werden.“ [30]

Die Ausrichtung der katholischen Kirche nach dem Zweiten Weltkrieg zu einer Elitekirche war der eigentliche Grund, warum dieser so genannte „Entchristlichungsprozess“ eingesetzt hatte. Allen voran hatte die Österreichische Bischofskonferenz gefordert, dass die kirchliche Jugend auf die apostolisch-elitäre Linie eingeschworen werden sollte. Mitte der 60er Jahre wurde diese pädagogische Linie zu Recht kritisiert. „Dieser Anspruch auf autoritär-etatistisch-klerikale Führung der Jugend wie zu Zeiten des Christlichen Ständestaates zu einer Zeit, in der die parlamentarische Demokratie mit ihrem Parteienpluralismus bejaht und praktiziert wurde, mußte auf Kritik stoßen.“ [31]

Bischof Rusch zeichnete im Gegensatz zu Sigmund Kripp ein anderes Bild, nämlich das der Angst und der Apokalypse, wenn er im historischen Rückblick notierte: „Die Menschheit ist von dem im Volkstum verbundenen, mittelalterlichen Menschen ausgegangen und zum mündigen Menschen [sic!] geworden, dann zum isolierten Menschen und schließlich zum vergewaltigten Menschen. Der Einzelmensch ist durch untermenschliche Lebensbedingungen zum Massenmenschen [sic!] geworden und durch die große Zahl der Menschen zum verwalteten Menschen. Er war zuerst ein ohnmächtiger Mensch, wurde dann zum Maschinenmenschen [sic!] und schließlich durch die Maschine zum Schrumpfmenschen [sic!]. Von der Welt des Kapitalismus geht die Menschheit hin zur Welt des Konzentrationslagers." [32] Rusch mag zwar erkannt haben, dass der Kapitalismus nicht der Ausweg bzw. sogar der Grund für viele aktuelle Probleme seiner Zeit gewesen war, dennoch sprach er sich nicht für eine sozialistische Gesellschaftsordnung aus, wie Kripp dies durchaus tat: „Der Kapitalismus gibt nicht viel her, um die gesellschaftlichen, zwischenmenschlichen Beziehungen zu verbessern. Er ist vielleicht geeignet, das materielle Leben zu verbessern, aber nicht die menschlichen Formen des Zusammenlebens. Vom kapitalistischen System geht keine Wärme aus, es steckt auch kein Herz in ihm. Und auch kein Ideal. Nochmals schade, daß die Ideologie dieses Systems in vielen Ländern durch die Kirche unterstützt wird.“ [33] Kripp, als auch Rusch versuchten die kapitalistisch geprägte Gesellschaft, in der sie lebten zu reformieren. Dies war ihr größtes, gemeinsames Anliegen.

In dieses endzeitliche Bewusstsein des obersten katholischen Würdenträgers der Diözese Innsbruck war es leicht zu integrieren, dass der kapitalistische Westen durch einen Vorstoß des kommunistischen Ostens bald zerstört würde. „Nicht um den Osten, er ist der Tod. Erinnert euch: der Kommunismus muß entlarvt werden. Er ist schlimmer als das Gegenteil, das er bekämpft. Nicht um den Westen. Er ist Krankheit. [...] Aus diesem Kalten Krieg kann sehr leicht der Heiße Krieg werden. Auf beiden Seiten ist Ablehnung und sogar Haß." [34] Den Grund für die von Rusch diagnostizierte Dekadenz, vorherrschend östlich des Eisernen Vorhangs, erklärte er anhand der Atheismusforderung des Kommunismus. „Zunächst, der Kommunismus in Rußland hat nachweislich 27 Millionen Menschen beseitigt, sie wurden ermordet, sind verhungert und erfroren in den sibirischen Lagern usw. Wo gibt es dann für diese Menschen [die Atheisten; Anm.] überhaupt einen Lebenssinn? Wenn das gleiche noch in größerem Ausmaß für China gilt, erhebt sich diese Frage noch dringender. Den kommunistischen Philosophen machen diese Fragen Kopfzerbrechen. Wir haben die Antwort. Es geht um jenseitige Erfüllung.“ [35] Zum gleichen Thema, die Analyse der Kirche von Mohr: „Der Kampf der beiden Gesellschaftssysteme wird umgefälscht in einen Kampf des Atheismus bzw. Kommunismus gegen das Christentum. Der Kampf um die Aufrechterhaltung kapitalistischer Verhältnisse, um atomare Rüstung und Bereitschaft zum nuklearen Krieg wird mit dem Heiligenschein der Abwehr gegen den Angriff des Antichristen oder gar des Kreuzzuges gegen die >>dämonischen Mächte der Finsternis<< umgeben.“ [36] Dass auch der kommunistische Osten mit ideologisch überhöhten Feindbildern operierte, um die Massen für die Weltrevolution zu gewinnen, sei der Vollständigkeit halber genauso angeführt. Rusch hatte panische Angst vor einer sozialistisch-kommunistischen Revolution in Westeuropa durch die Solidarisierung der Arbeiter in Ost und West als eine geeinte, soziale Gruppe und revoltierende Klasse. Er wies nicht umsonst gerade der katholischen Arbeiterschaft ein neues Selbstverständnis zu, um sie in seinen Augen auf eine konstruktive Aufgabe vorzubereiten. „Verbunden war Bischof Rusch auch der Arbeiterschaft, die er von – in seinem Verständnis – verderblichen materialistischen Lebenseinstellungen und sozialistischem Gedankengut fernhalten wollte.“ [37]

Nicht primär seiner Initiative folgend, aber massiv unterstützend entstand die Katholische Arbeiterjugend in der Diözese Innsbruck. „Die Arbeiterjugend ist zur Zeit die aktivste Kraft in der Jugend, sie ist voll von Plänen, ist erfinderisch und stellt eine echte Hoffnung dar.“ [38] In diesem Sinne skizzierte Rusch als Lösung ein solidarisches Zeitalter, in dem der Arbeiter des Westens dem Arbeiter des Ostens aus seinem ideologischen Dunkel zum Licht führt. „Darum tut nichts mehr Not, als der Arbeiterschaft der Welt zuzurufen: Arbeiter aller Länder einigt die Welt. [...] Die Millionen des Ostens glauben euch allein noch. Vollbringt die hehre Tat im Westen, dann könnt ihr euren Brüdern drüben die Hand reichen und sie herausführen aus ihrer Pein. Dann rettet ihr die Menschheit und mit ihr euch selbst." [39] Zudem unterstützte Rusch die gesamte Katholische Jugend nach Kräften. „Der Bischof versäumte keine Gelegenheit, bei Jugendveranstaltungen persönlich anwesend zu sein. In jeder Gemeinde mit Kooperatoren wurde ein eigener Jugendseelsorger bestellt, ebenso für jedes Dekanat.“ [40]

Bischof Rusch vertrat eine stark neuzeitliche, hierarchische, sozialmarktwirtschaftliche Konzeption von Staaten, die in solidarischer und universeller Bindung füreinander verantwortlich sind. Dass ihm dabei das ideelle Modell der katholischen Kirche (katholisch – allumfassend) vor Augen schwebte, ist klar. Er hatte Angst vor der so genannten kommunistischen Weltrevolution, die als das Horrorszenario im Westen der 50er und 60er Jahre verbreitet wurde. Kirche und ihre Erziehungsziele waren auf den weltpolitischen Alptraum ausgerichtet, dem die als solche erzogenen Soldaten Christi in ihrem Alltag entgegenwirken sollten. Dabei erkannte Rusch zwar die hauseigenen Probleme der Innsbrucker Diözesankirche, war ihnen aber nicht gewachsen, wie etwa dem Loslösen der Obrigkeit von der Kirchenbasis, der wirklichen Probleme der Arbeiterschaft oder der beginnenden Emanzipation der Frau. Beinahe fassungslos sah sich Rusch der apokalyptischen Stimmung in der Tiroler Gesellschaft ausgeliefert. „Wir befinden uns in einer Kulturkrise. Kulturkrise ist Wertkrise. Wir leben in einer Zeit der Dekadenz. Diese Dekadenz ist soweit vorangeschritten, daß sie auch das biologische Erbe schon angreift. Verhaltensgestörte Kinder nehmen zu, ebenso psychosomatische Erkrankungen.“ [41] Der Bischof von Innsbruck sah die ihm gewohnte Gesellschaftsordnung den sprichwörtlichen Bach hinunterlaufen. „Einige große Burschen traten aus der Kirche aus und blieben in der MK. Auch die Präfektin der Mädchenkongregation war aus der Kirche ausgetreten und blieb dennoch Präfektin.“ [42] Einstige Elitekader katholischen Nachwuchses versagten und kritisierten die Kirche so lange, bis sie sich von innen aufzulösen drohte. „Manche Jugendliche des Kennedy-Hauses haben sich vom Religionsunterricht abgemeldet. Das hat in der Öffentlichkeit Aufsehen erregt. Als einer von diesen gar noch zum Präfekten gewählt wurde (er war einer der besten Präfekten, die wir je hatten!), erstatte die staatliche Schule Meldung an den Bischof: für diesen ein weiterer Grund, vom Jesuitenorden meine Abberufung als Leiter des Kennedy-Hauses zu wünschen.“ [43]

Die Rolle der Frau als Mutter, wie sie in der Tiroler Gesellschaft der 50er und frühen 60er Jahre verkündet worden war, begann sich ebenso rasant zu verändern. Das neu proklamierte Recht der Frauen auf Selbstbestimmung, als weibliches, gleichberechtigtes Wesen der Gesellschaft, als Mensch ernst genommen zu werden, konnte Rusch nicht nachvollziehen. „Die Abwertung der Frau, die nur Mutter ist, hat weit um sich gegriffen.“ [44] Der Innsbrucker Diözesanbischof glaubte an die Formel: Frau ist gleich Mutter, so wie Gott dies in der Schöpfung und der weiblichen Natur festegelegt hatte. „Die Emanzipation der Frau wurde zur Emanzipation von der Familie. Das ist natürlich eine Fehlemanzipation. Man nimmt Emanzipation als Befreiung von allen Bindungen. Aber die Frau bedarf des Mannes, sonst kann sie nicht Mutter werden. Der Mann bedarf der Frau, sonst kann er nicht Vater werden und kann keine Familie gründen. Und so ist es überhaupt, der Mensch ist gebunden an Luft, an Licht, an Temperament, an seine eigene Natur überhaupt. Das hat man vergessen.“ [45] Dieses Frauenbild baute auf einer Überidealisierung der eigenen Mutter auf. In einer ähnlich gesellschaftlich fixierten Rollenzuschreibung der Geschlechter wuchs P. Coreth SJ auf, 1968 Dekan der Theologischen Fakultät in Innsbruck. Er beschrieb die Rolle seiner frommen, opferbereiten Mutter wie folgt: „Ich bin in Wien aufgewachsen und stamme aus einer sehr guten, überzeugt katholischen Familie, besonders habe ich sehr viel zu verdanken meiner tieffrommen Mutter, die auch religiös gut gebildet war und mir den Keim des Priesterberufes mitgegeben hat.“ [46] Während die Frau den integrativ- introvertierten Part zu verkörpern hatte, wurde dem jungen Mann die Extrovertiertheit anerzogen. „Der Mann ist bestimmt, der christlichen Lehre und Tugend Geltung zu verschaffen durch sein kraftvolles Auftreten nach außen. An den geistigen Wendepunkten nicht bloß der Menschheit - sondern auch der Kirchengeschichte steht daher regelmäßig er. Dem Mann ist daher auch allein die Priesterweihe gegeben, vor allem eben darum, weil es tiefster Sinn des Priestertums ist, das Reich Gottes hinauszutragen in alle Welt, bis an die Grenzen der Erde." [47] Aus solchen Zitaten ist die Stellung der Geschlechter in den 50er Jahren sehr deutlich erkennbar. Es ist damit nicht verwunderlich, wenn „ [...] die Führung nach außen beim Manne liegt: Er ist das Haupt der Familie; daß aber die Frau mehr den inneren Zusammenhalt derselben begründet: sie ist das Herz der Familie. Durch dieses stille Zurücktreten der Frau in der Führung der Familie nach außen entsteht keine Minderwertigkeit für sie. Sie hat als Ersatz dafür den ganzen Reichtum und die volle Tiefe ihres fraulich- mütterlichen Herzens bekommen, und sie tritt ja letztlich auch nicht zurück vor dem Manne, sondern vor Gott, der dies alles so begründet hat." [48] Das Patriarchat war göttlich legitimiert und in der Marienverehrung der katholischen Kirche manifestiert.



 

©2006 by fontes historiae - Quellen der Geschichte     Design und Programmierung: www.fritz-egg.at