| katholische Jugendarbeit unter Bischof Rusch |
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Auszug aus: „Episkopat, Priesteramt und Katholische Jugend in Tirol. Im Spannungsfeld zwischen Erbe, Anpassung und Fortschritt (1938 bis 1980).“ In den folgenden Seiten werden eine Zusammenfassung bzw. Auszüge aus meiner Diplomarbeit, sowie meiner Dissertation für den interessierten Leser zur Verfügung gestellt. Beide Arbeiten stellen einen Teilaspekt der Ideologie – und Mentalitätsgeschichte Österreichs im 20. Jahrhundert dar. Es wird an Einzelereignissen, persönlichen Meinungsäußerungen und offiziellen Schriftstücken zur katholischen Jugendarbeit aufgezeigt, wie im „Heiligen Land Tirol“ gedacht und gehandelt wurde, wie die größte Jugendbewegung des Landes selbst die Öffentlichkeit prägte, um dabei wiederum selbst von Staat, Land bzw. Kirche geprägt zu werden. Der erste Diözesanbischof Innsbrucks, DDr. Paulus Rusch, gestaltete die Ortskirche und besonders Jugendarbeit nachhaltig. Auf diese Wechselwirkung wurde während der Bearbeitung der Fragestellung besonders Wert gelegt. Wie in den folgenden Seiten hoffentlich ersichtlich, war es mir ein Anliegen, historische Wurzeln und gesellschaftliche Wechselwirkungen freizulegen und zu interpretieren. Da zu dem angesprochenen Thema kaum Sekundärliteratur vorhanden ist, muss angenommen werden, dass dieses Kapitel einer Tiroler Regionalgeschichte bis heute noch nicht geschrieben worden ist und die vollständige wissenschaftliche Erschließung dieses Niemandslandes noch einige Zeit dauern dürfte. Dr. Meinrad Schumacher, ehemaliger Stadtjugendseelsorger Innsbrucks, sieht die diesbezügliche Situation durchaus ähnlich an, wenn er meint, dass „[…] die Tiroler Kirchengeschichte von 1945 bis 1980 ein noch weithin unbeackertes Feld ist.“ [1] Es war nicht die Absicht der folgenden Zeilen eine schematische Übersicht des Aufbaues und der Organisationsweise der Katholischen Jungschar bzw. Jugend Tirols zu bieten, dies haben bereits andere Autoren umfassend und prägnant erfüllt [2] . Viel mehr wurden die Aktionen der katholischen Jugendgruppen, ihr Selbstverständnis, ihre gesellschaftspolitische Instrumentalisierung analysiert, wodurch auch ihre Konflikte mit der diözesanen Leitung zum Vorschein kamen, also die Diskrepanz zwischen realer Arbeit in den diversen Gruppen und Jugendzentren, verglichen mit den Wunsch- und Wertvorstellungen von Bischof DDr. Paulus Rusch. Neben der allgemeinen Zusammenfassung soll der Leser noch einen Einblick in den Konflikt Sigmund Kripp gegen Bischof Rusch erhalten. 1.Zusammenfassende Erläuterungen zu den Mitteilungen des Seelsorgeamtes, betreffend der Jugendarbeit Feststellung 1: Die religiösen Inhalte der Stunden ergaben sich von selbst, denn in der Bibel gab es schon Literatur einer verfolgten Kirche, die der Apokalypse. Es baute sich ein wenig eine Untergrundkirche auf, die für junge Menschen hart im Nehmen war: Frühmessen oder Treffen in der Dunkelheit schützten vor den Streifen der Hitlerjugend. 1941 wurde die Vorschrift erlassen, dass bei einer Versammlung von mehr als vier Personen Anzeige erstattet werden konnte. Die Aktivisten waren daher gezwungen sich in Kleinstgruppen zu treffen, die das Aufsichtssystem nicht mehr kontrollieren konnte. „Die kleinen Gruppen arbeiteten fast in jedem Geheimsystem mit den gleichen Regeln der Zellenarbeit. Das war auch notwendig, weil unsere Leute bei jeder Predigt, bei jeder Frauenstunde und erst recht bei jeder Jugendzusammenkunft mit Spitzeln und Verrätern rechnen mussten.“ [3] Wichtig festzuhalten bleibt in diesem Zusammenhang: Das elitäre System der katholischen Jugend, das sich nach dem Krieg institutionell etablierte, operierend mit seinen fachlich sehr gut qualifizierten bzw. überzeugten Kerngruppen, die andere Jugendliche mitreißen sollten, um eine flächendeckende, hierarchisch organisierte Jugendorganisation aufbauen zu können, nahm seinen Anfang in der Untergrundkirche während des Nationalsozialismus. Feststellung 2: Seit 1946 erlebte die katholische Kirche den Aufbau einer eigenen, geschlossenen, bundesweit einheitlich strukturierten Jugendorganisation. Damit wurden die einzelnen Diözesen zwar in ihrem Recht beschnitten, eine eigenverantwortliche Jugendarbeit zu betreiben, aber der Vorteil einer geschlossenen Jugendorganisation, die einheitlich arbeitete, Teil des kirchlichen Systems war und bei Bedarf als geschlossene, zahlenmäßig stärkste Jugendgruppierung Österreichs auftreten konnte, lag auf der Hand. Durch Delegation diverser Verantwortlichkeitsbereiche auf Jugendliche sollte sichergestellt werden, dass diese als Teil des Systems Kirche im Sinn der Kirchenführung analysierten, dachten bzw. entsprechend handelten. Als junger Mensch konnte man „Karriere machen“, war wichtig auf seinem Platz und fühlte sich verantwortlich für die Ausbreitung bzw. Erneuerung des katholischen Glaubens. Nicht zu unterschätzen ist das Bewusstsein des einzelnen partizipierenden Jugendlichen, Teil einer Bewegung zu sein, die von einem Großteil der österreichischen Öffentlichkeit gefördert und geachtet worden war. Die Katholische Jugend sah sich als Repräsentantin der gesamten Jugend Österreichs – ein Totalitätsanspruch, der noch in der Nachkriegszeit Realität, aber seit Beginn der 60er Jahre ein Wunschdenken war. „Um das Jahr 1960 kündigte sich deutlich die Krise der Jugendarbeit an. Ihre Ursache lag zweifellos in dem immer spürbarer werdenden Wandel innerhalb der Gesellschaft und in dem damit verbundenen Bewusstseinswandel, der besonders schnell innerhalb der jungen Generation Platz griff. […] Der Jugendliche sieht sich mit dem breiten Spektrum der pluralistischen Gesellschaft an Meinungen und Haltungen konfrontiert. Als gelehriger Schüler seiner Zeit wohnt in ihm ein tief sitzendes Misstrauen gegenüber jedem Autoritätsanspruch, der sich nicht mit sachlichen Argumenten auszuweisen bemüht und ausweisen kann. [...] Von einer Realisierung des gewohnten >>Totalitätsanspruchs<< der frühen Jugendgemeinschaften, der Inanspruchnahme des >>ganzen<< jungen Menschen durch die Jugendorganisation, kann angesichts dieser Situation nicht mehr die Rede sein.“ [4] Feststellung 3: Der Pfarrlaienrat war seit 1955 ein die Mitteilungen des Seelsorgeamts immer wieder bestimmendes Thema. Dieses auf Pfarrebene, den Pfarrer beratende Gremium, stellte die Vorstufe zum so genannten Pfarrgemeinderat dar und wurde auf Bischof Ruschs Weisung hin initiiert: „Darum ist es uns jetzt mehr denn je aufgegeben, unsere Laienverantwortung richtig zu erkennen, uns „mit aller Kraft für die Vervollkommnung der Gesellschaft einzusetzen" (Enzyklika >>Mater et Magistra<<) und zielstrebig an der Wiederverchristlichung des Lebensmilieus in unserem Lande mitzuarbeiten. Diese Verchristlichung des öffentlichen Raumes kann aber nur dort gelingen, wo die Aktionen der einzelnen Apostolatsgruppen aufeinander abgestimmt, richtig gelenkt und klug, geduldig und zäh durchgeführt werden. Unser H. H. Bischof hat deshalb schon vor sieben Jahren die Weisung gegeben, dass in jeder Pfarrei ein Pfarrlaienrat gebildet wird, der in regelmäßigen Beratungen allen Aktivisten eine Zusammenschau über den Zustand der Gemeinde bieten und gemeinsame Apostolatsaufgaben inspirieren soll, wie sie sich aus der konkreten Situation in der Pfarrei ergeben. Leider zeigt aber die Erfahrung, dass die Apostolatsbedeutung eines solchen aktiv arbeitenden Pfarrlaienrates in der Mehrzahl der Pfarreien nicht richtig erkannt wurde. Im abgelaufenen Arbeitsjahr hielt der Pfarrlaienrat nur in sechs Prozent aller Pfarreien monatliche Arbeitsbesprechungen ab. In 52 Prozent aller Pfarreien wurde er überhaupt nicht einberufen.“ [5] Die immanent hierarchische Struktur dieses Beratungsgremiums bleibt unbestritten. Der Sinn des Gremiums war eine Laieninstrumentalisierung und Miteinbeziehung in die täglichen Geschäftsabläufe, auf pastoraler, sowie auf administrativer Ebene. Trotz gemeinsam mehrheitlich gefassten Beschlusses, konnte der Priester (und kann es auch heute noch) als Mitglied dieses Gremiums die Ausführung des zuvor gefassten Beschlusses mit einem begründeten Veto blockieren. Zudem verlief die Errichtung dieses Gremiums nicht in allen Tiroler Pfarreien problemlos ab, da viele Priester darin eine Beschneidung und vor allem eine Minderung ihres sakramentalen Amtes sahen, was neben konkreten machtpolitischen Schwierigkeiten noch theologische Missverständnisse hervorrief. Feststellung 4: Neu gestaltete Massenmedien und ein erleichterter Zugang zu höherer Bildung in den 60er Jahren setzten im Land Tirol Maßstäbe, denen die traditionellen Verkündigungsformen der Katholischen Kirche kaum etwas entgegenzusetzen hatten. Es ist deshalb kaum verwunderlich, wenn eine entsprechend scharfe Verurteilung der sich anbahnenden Informationsgesellschaft von Seiten der Katholischen Kirche zu hören war. Jene Menschen, die das moralische Bildungsmonopol der Kirche brachen, wurden zur leicht beeinflussbaren Masse erklärt und damit diskreditiert. „Wenn der H. H. Pfarrer über diese Fragen der Gewissensbildung predigt, so haben solche Predigten meistens kein gesellschaftliches Echo mehr, weil viele nicht mehr den Mut aufbringen, ihre Gewissensentscheidungen allein gegen die Mehrheit der anderen zu treffen. Die persönlichen Gewissensentscheidungen werden eben weithin von der öffentlichen Meinung beeinflusst. Nur allzu viele unterliegen der Versuchung, das zu tun, was alle anderen tun.“ [6] Masse war für die Katholische Kirche ein negatives Schlagwort, denn in der Massengesellschaft sah man eine Grundvoraussetzung des kommunistischen Gesellschaftssystems, welches wegen seiner atheistischen Doktrinen mit allen Mitteln bekämpft werden sollte. Feststellung 5: Die Öffentlichkeitsarbeit der Katholischen Aktion im Bereich der Jugendpastoral umfasste für die Geschlechter getrennte und in den Augen der Initiatoren jeweils passende Aufgaben. Waren etwa im Rahmen einer Fastenaktion Kreuze zu schmücken, so übernahmen die Buben die öffentlich aufgestellten Wegkreuze, während die Mädchen den so genannten „Herrgottswinkel“ im Haus, unbemerkt von der Öffentlichkeit, zu pflegen hatten. In diesem Sinne war die Saisonarbeit im Tourismus Mädchen- und Frauensache, während die den Militärdienst begleitenden Aktionen der Katholischen Aktion reine Buben- und Männersache sein durfte. Bischof Rusch steuerte dieses patriarchale Denken bewusst: Die Gründung der Buben- KAJ in der Diözese Innsbruck war aufgrund einer Aufmunterung des Bischofs beschleunigt, während die erste sich selbst konstituierte Mädchengruppe Tirols zwei Jahre auf die bischöfliche Anerkennung zu warten hatte. Feststellung 6: Die Katholische Aktion bildete Jungen und Mädchen zu Multiplikatoren der katholischen Botschaft in speziell jenen beruflichen- und sozialen Schichten mit besonderer Sorgfalt aus, wo die Kirche traditionell kaum Fuß fassen konnte: Tourismus, Militärdienst und Arbeiterschaft. Durch das „Sauerteigprinzip“ sollten die Aktivistinnen und Aktivisten der katholischen Aktion die jeweiligen sozialen Schichten bzw. Berufsgruppen nachhaltig katholisch prägen, oder wie Bischof Rusch dies erklärte: „Religion und das übliche Leben bilden keine Einheit mehr, Religion und Berufsleben fallen auseinander. Es geht aber entscheidend darum, ob Religion nur Verzierung ist oder Sauerteig. Also ob Religion Festtagsattrappe ist – und dahinter ist es leer – oder die treibende Kraft des Alltags.“ [7] Damit ist ein katholischer Neuaufbruch in einem sozialen Milieu gemeint, der durch ständiges Beharren auf den katholischen Werte- und Glaubensvorstellungen einiger weniger hervorgerufen und somit zur langsam wachsenden Überzeugung der Mehrheit wird – ein Schneeballeffekt durch katholisch motivierten sozialen Ungehorsam. Die damit beschäftigten Jugendlichen fühlten sich in der Ausübung ihres Auftrages als ein sehr wichtiger Teil der Kirche und bezogen nicht zuletzt daher eine gewaltige Portion Selbstwertgefühl und Identität – Einstellungen, für welche die Jugendlichen gerade während der Pubertät sehr empfänglich waren. Feststellung 7: Die Aktionen der katholischen Jugendgruppen erfolgten nach dem immer gleichen Schema. Auszugehen ist von der so genannten „intensiven Zellenarbeit“ einer handvoll Jugendgruppen, zu je etwa fünf bis zehn Aktivisten, die organisatorisch unabhängig voneinander operieren konnten, aber von der diözesanen Leitungsstelle die gleichen Aufgaben und Inhalte (so genannte „seelsorgliche Jahresaufgaben“) präsentiert bekamen. Wenn es notwendig war, etwa bei Großveranstaltungen, als geschlossener jugendlicher katholischer Block aufzutreten, wurde durch zuvor bewusst gesteuerte Konkurrenz unter den einzelnen Gruppen besondere Leistung gefordert und im Rahmen größerer Events entsprechend mit Preisen bzw. Auszeichnungen prämiert. Bei solchen Anlässen schufen gemeinsame Kleidung oder Abzeichen ein nicht zu unterschätzendes Identitäts- und Gemeinschaftsgefühl. Der Glaube an ein ideale Zukunft oder Gesellschaft (wenn auch endgültig erst im Jenseits) konnte durch solche Inszenierungen vor den Augen der Jugendlichen „bewiesen“ werden. In dieser Euphorie konnten auch neue Mitglieder bzw. neues Führungspersonal rekrutiert werden. Diese Neuanwärter mussten sich dann mit einem System anfreunden, das Bewährungszeiten, Aufnahmerituale und gemeinsame Uniformen bzw. Abzeichen vorsah. Einmal als Mitglied aufgenommen, mussten die Jugendlichen zudem einen Mitgliedsbeitrag zahlen – das so genannte Jugendopfer (meist von den Mitgliedern selbst zusammengespartes Geld, das für den Erhalt der Katholischen Aktion bzw. deren karitative Projekte verwendet wurde) und sich an die Statuten der jeweiligen Gliederung halten. Feststellung 8: Einmal in einer Jugendorganisation der Katholischen Kirche verhaftet, so versuchte man den Einzelnen zu halten und sich um ihn zu kümmern – ein katholisches Gruppensystem von der Wiege bis zum Grab. Dies schloss eine wöchentliche Aktivistenrunde (oder Helferkreis, der auch in den Sommermonaten weitergeführt wurde), Rückholaktionen für alle aus der Schule entlassenen Jugendlichen (einmal aus dem leicht fassbaren Schulsystem mit seiner altershomogenen Klasseneinteilung entlassen, war es bedeutsam schwieriger die Jugendlichen zu halten), Integration der ehemaligen Aktivisten nach ihrer „Zwangspause“ beim Bundesheer und sogar die Beeinflussung der Freizeit der Jugendlichen mit ein. Nur wer sich sicher war, wo sein ideologischer Standplatz war, konnte ihn nach außen behaupten – etwa gegenüber der Gewerkschaft, im eigenen Betrieb, oder gegenüber „den anderen“, nichtchristlichen Mitmenschen. Feststellung 9: Ohne die Mithilfe der katholischen Jugendbewegung hätten viele Projekte des Bischof Rusch nicht umgesetzt werden können, für die er in der Öffentlichkeit so großes Lob geerntet hatte. Als Beispiele seien der soziale Wohnbau und die Mission, mit dem vom Rusch gegründeten „Bruder in Not“ – Programm genannt. Dem unentgeltlichen bzw. kaum entlohnten Arbeitseinsatz von Buben und Mädchen ist es zu verdanken, dass Wohnungssiedlungen in Rekordzeit und mit knappem Budget errichtet werden konnten, und dem Idealismus bzw. Tatendrang der katholisch sozialisierten Jugendlichen, die große Welt kennen zulernen, dass das Missionswerk der Diözese Innsbruck seine vielen Arbeitsstellen im Ausland errichten und weiterhin betreuen konnte. Feststellung 10: In vielen literarischen Quellen wird behauptet, Bischof Rusch hätte die Idee zur Bildung der Katholischen Arbeiterjugend in seiner Diözese gehabt und die ersten wichtigen Schritte initiiert. Dies ist eine Fehlinterpretation des vorhandenen Materials, auch wenn sich Rusch in späteren Jahren gerne als Initiator der Katholischen Arbeiterjugend feiern ließ. Erstens wurde die Idee der KAJ bereits in Wien und Oberösterreich verwirklicht, als noch niemand in Tirol an eine ähnliche Bewegung dachte. Zweitens war es der Vorarlberger Jugendseelsorger Jakob Fußenegger, der als erster mit dieser Idee an den Bischof herantrat, eine KAJ auch in der Administratur Feldkirch- Innsbruck zu gründen. „Mindestens jeden Monat musste ich mich bei Bischof Paulus in Innsbruck oder in Mötz zur Arbeitsbesprechung und zur Berichterstattung einfinden. Als ich 1947 zum ersten Mal mit dem Vorschlag zu einem eigenen Zweig der Arbeiterjugend innerhalb der KJ [Katholischen Jugend; Anm.] kam, nach dem Muster belgischen KJ, gab es eine glatte Ablehnung; das sollte sich schon zwei Jahre später, als er die Erfolge unter der Arbeiterjugend selbst sah, grundlegend ändern.“ [8] Als 1953 die groß angelegte Romwallfahrt der KAJ organisiert und durchgeführt wurde, war es Bischof Rusch, der sich als geistiger Vater der österreichischen katholischen Arbeiterjugend präsentierte. Zudem war Bischof Rusch in seiner Amtsführung penibel, beinahe kann man von einer totalen Überwachung sprechen. Er regelte Themen oft bis ins kleinste Detail, wie zum Beispiel die Be- und Versetzung von Jugendseelsorgern und suchte überall seine eigenen Vorstellungen von Jugendarbeit durchzusetzen, egal was andere davon dachten. Rusch „[…] war zudem über viele Jahre als erster österreichischer >>Jugendbischof<< in der Bischofskonferenz der Referent für alle Jugendfragen. Im Land und in ganz Österreich hat er alle Bemühungen um die Jugend energisch unterstützt. Es war nicht immer leicht, als Mitarbeiter an der Seite des Bischofs zu stehen.“ [9] 2.Konfliktlinien in der Jugendarbeit der Diözese Innsbruck Einerseits nahm in Tirol der 60er und 70er Jahre die katholische Kirche fast den Rang einer Landeskirche ein. Es gab eine äußerst enge Verzahnung zwischen Bundesland - „heiligem Land“ Tirol und katholischer Kirche. „Konkret für Innsbrucks Kirche in den Jahren 1963-1973 bedeutet dies: Land und Kirche Innsbrucks haben sich gegenseitig zu unterstützen, zu ergänzen, zu korrigieren, zu befreien, zu öffnen versucht und dies z.T. mit wirklichem Erfolg, ein Erfolg, der ohne dieses Zueinander sicher nicht zustande gekommen wäre. Dieses Sich-Helfen und Füreinander-Sorgen war geistiger und materieller Art bis hinein in die fühlbare Hilfe im Aufbau neuer Kirchen, in der künstlerischen Ausstattung des Inneren – jüngst etwa St. Norbert in Innsbruck – in der Förderung der Jugendarbeit und kultureller Einrichtungen, die der Kirche und ihrer Mission sehr nützen.“ [10] Diese enge Verbundenheit machte es auch möglich, dass die Tiroler Politiker im Konflikt „Rusch versus Kripp“ sich auf die Seite des Mächtigeren, also des Bischofs stellten: „Die gesellschaftlichen Verhältnisse hier im Land sind durch Herkommen so geheiligt, durch Tradition der verschiedene Autoritäten im Land so immobil, daß an eine Lockerung und Anpassung an die Erfordernisse der Zeit nicht oder noch nicht zu denken ist ...“, analysierte 1970 der 58jährige Hochschulseelsorger und Jesuit Emil Kettner die Lage. [11] Andererseits war die Religion im Österreich der Nachkriegszeit und bis weit nach der "68er - Revolution" von einer bürgerlich-konservativen Theologie genährt, wie Sigmund Kripp konstatierte. „Der Orden richtete sich nach den Bedürfnissen von oben aus, orientierte sich nicht an der Situation und den sich daraus ergebenden Bedürfnissen der unterprivilegierten Menschen. Er selbst zählt eben auch zu den gesellschaftlich privilegierten Verbänden und vertritt daher deren Interessen. [...] Ich wünschte mir einen anderen als den im deutschsprachigen Raum real existierenden Orden. Ich wünschte mir einen Orden, der sich an der Situation, die sich in vierhundert Jahren geändert hatte, nicht an geschichtlich überholten Prinzipien orientierte." [12] Kripp glaubte und wünschte sich innerkirchliche Reformen, der von ihm erkannten Missstände, während Hubert Mohr aus der kommunistischen Perspektive ähnliche Missstände als Indiz für die Verbundenheit des Systems Kirche mit den kapitalistischen Machtträgern der damaligen Zeit ansah. Es „[...] erfuhr der politische Katholizismus als Repräsentant des militanten Antikommunismus einen großen Machtzuwachs, der sich sowohl auf ökonomischem als auch auf politischem Gebiete zeigt.“ [13] Obwohl Mohr die Entwicklung in der Deutschen Bundesrepublik der Zeit 1945 bis 1960 beschrieb, halte ich seine Analysen der Kirche für den gesamten mitteleuropäischen Raum jener Zeit für relevant. „Da gibt es den Gott der Besitzer, der das Privateigentum zum Bestandteil des Glaubens macht; der alles weiß, dem durch höhere Schulbildung vor allem bürgerliche Kinder ähnlich werden [...] Es gibt den Gott der Strafe, der zum Polizisten von Lehrern und Eltern wird; und der Kommunisten frißt, um die Marktwirtschaft zu garantieren, wenn es sein muß, mit Waffengewalt. So entsteht ein Gott des Schreckengleichgewichts." [14] Die Realität des kalten Krieges, wie sie die Kirche in Europa erfuhr und erheblich mitbestimmte, wurde von Kripp in sarkastischen Tönen beschrieben. Diesen Gott der Besitzenden und der Elite, den die damalige Theologie verbreitete, erkannten auch kirchenferne Autoren: „Nun ist es eine bekannte Tatsache, daß viele Christen infolge der Macht der Tradition, aus familiären, persönlichen und gesellschaftlichen Rücksichten den öffentlichen und juristischen Austritt scheuen und sich mit der praktischen Entfremdung begnügen. Dieser „Entchristlichungsprozeß“ ist ein viel ernsteres Krisensymptom des Katholizismus. Die Kirche droht zu einer Elitekirche ohne Massen zu werden.“ [15] Die Ausrichtung der katholischen Kirche nach dem Zweiten Weltkrieg zu einer Elitekirche war der eigentliche Grund, warum dieser so genannte „Entchristlichungsprozess“ eingesetzt hatte. Allen voran hatte die Österreichische Bischofskonferenz gefordert, dass die kirchliche Jugend auf die apostolisch-elitäre Linie eingeschworen werden sollte. Mitte der 60er Jahre wurde diese pädagogische Linie zu Recht kritisiert. „Dieser Anspruch auf autoritär-etatistisch-klerikale Führung der Jugend wie zu Zeiten des Christlichen Ständestaates zu einer Zeit, in der die parlamentarische Demokratie mit ihrem Parteienpluralismus bejaht und praktiziert wurde, mußte auf Kritik stoßen.“ [16] Bischof Rusch zeichnete im Gegensatz zu Sigmund Kripp ein anderes Bild, nämlich das der Angst und der Apokalypse, wenn er im historischen Rückblick notierte: „Die Menschheit ist von dem im Volkstum verbundenen, mittelalterlichen Menschen ausgegangen und zum mündigen Menschen [sic!] geworden, dann zum isolierten Menschen und schließlich zum vergewaltigten Menschen. Der Einzelmensch ist durch untermenschliche Lebensbedingungen zum Massenmenschen [sic!] geworden und durch die große Zahl der Menschen zum verwalteten Menschen. Er war zuerst ein ohnmächtiger Mensch, wurde dann zum Maschinenmenschen [sic!] und schließlich durch die Maschine zum Schrumpfmenschen [sic!]. Von der Welt des Kapitalismus geht die Menschheit hin zur Welt des Konzentrationslagers." [17] Rusch mag zwar erkannt haben, dass der Kapitalismus nicht der Ausweg bzw. sogar der Grund für viele aktuelle Probleme seiner Zeit gewesen war, dennoch sprach er sich nicht für eine sozialistische Gesellschaftsordnung aus, wie Kripp dies durchaus tat: „Der Kapitalismus gibt nicht viel her, um die gesellschaftlichen, zwischenmenschlichen Beziehungen zu verbessern. Er ist vielleicht geeignet, das materielle Leben zu verbessern, aber nicht die menschlichen Formen des Zusammenlebens. Vom kapitalistischen System geht keine Wärme aus, es steckt auch kein Herz in ihm. Und auch kein Ideal. Nochmals schade, daß die Ideologie dieses Systems in vielen Ländern durch die Kirche unterstützt wird.“ [18] Kripp, als auch Rusch versuchten die kapitalistisch geprägte Gesellschaft, in der sie lebten zu reformieren. Dies war ihr größtes, gemeinsames Anliegen. In dieses endzeitliche Bewusstsein des obersten katholischen Würdenträgers der Diözese Innsbruck war es leicht zu integrieren, dass der kapitalistische Westen durch einen Vorstoß des kommunistischen Ostens bald zerstört würde. „Nicht um den Osten, er ist der Tod. Erinnert euch: der Kommunismus muß entlarvt werden. Er ist schlimmer als das Gegenteil, das er bekämpft. Nicht um den Westen. Er ist Krankheit. [...] Aus diesem Kalten Krieg kann sehr leicht der Heiße Krieg werden. Auf beiden Seiten ist Ablehnung und sogar Haß." [19] Den Grund für die von Rusch diagnostizierte Dekadenz, vorherrschend östlich des Eisernen Vorhangs, erklärte er anhand der Atheismusforderung des Kommunismus. „Zunächst, der Kommunismus in Rußland hat nachweislich 27 Millionen Menschen beseitigt, sie wurden ermordet, sind verhungert und erfroren in den sibirischen Lagern usw. Wo gibt es dann für diese Menschen [die Atheisten; Anm.] überhaupt einen Lebenssinn? Wenn das gleiche noch in größerem Ausmaß für China gilt, erhebt sich diese Frage noch dringender. Den kommunistischen Philosophen machen diese Fragen Kopfzerbrechen. Wir haben die Antwort. Es geht um jenseitige Erfüllung.“ [20] Zum gleichen Thema, die Analyse der Kirche von Mohr: „Der Kampf der beiden Gesellschaftssysteme wird umgefälscht in einen Kampf des Atheismus bzw. Kommunismus gegen das Christentum. Der Kampf um die Aufrechterhaltung kapitalistischer Verhältnisse, um atomare Rüstung und Bereitschaft zum nuklearen Krieg wird mit dem Heiligenschein der Abwehr gegen den Angriff des Antichristen oder gar des Kreuzzuges gegen die >>dämonischen Mächte der Finsternis<< umgeben.“ [21] Dass auch der kommunistische Osten mit ideologisch überhöhten Feindbildern operierte, um die Massen für die Weltrevolution zu gewinnen, sei der Vollständigkeit halber genauso angeführt. Rusch hatte panische Angst vor einer sozialistisch-kommunistischen Revolution in Westeuropa durch die Solidarisierung der Arbeiter in Ost und West als eine geeinte, soziale Gruppe und revoltierende Klasse. Er wies nicht umsonst gerade der katholischen Arbeiterschaft ein neues Selbstverständnis zu, um sie in seinen Augen auf eine konstruktive Aufgabe vorzubereiten. „Verbunden war Bischof Rusch auch der Arbeiterschaft, die er von – in seinem Verständnis – verderblichen materialistischen Lebenseinstellungen und sozialistischem Gedankengut fernhalten wollte.“ [22] Nicht primär seiner Initiative folgend, aber massiv unterstützend entstand die Katholische Arbeiterjugend in der Diözese Innsbruck. „Die Arbeiterjugend ist zur Zeit die aktivste Kraft in der Jugend, sie ist voll von Plänen, ist erfinderisch und stellt eine echte Hoffnung dar.“ [23] In diesem Sinne skizzierte Rusch als Lösung ein solidarisches Zeitalter, in dem der Arbeiter des Westens dem Arbeiter des Ostens aus seinem ideologischen Dunkel zum Licht führt. „Darum tut nichts mehr Not, als der Arbeiterschaft der Welt zuzurufen: Arbeiter aller Länder einigt die Welt. [...] Die Millionen des Ostens glauben euch allein noch. Vollbringt die hehre Tat im Westen, dann könnt ihr euren Brüdern drüben die Hand reichen und sie herausführen aus ihrer Pein. Dann rettet ihr die Menschheit und mit ihr euch selbst." [24] Zudem unterstützte Rusch die gesamte Katholische Jugend nach Kräften. „Der Bischof versäumte keine Gelegenheit, bei Jugendveranstaltungen persönlich anwesend zu sein. In jeder Gemeinde mit Kooperatoren wurde ein eigener Jugendseelsorger bestellt, ebenso für jedes Dekanat.“ [25] Bischof Rusch vertrat eine stark neuzeitliche, hierarchische, sozialmarktwirtschaftliche Konzeption von Staaten, die in solidarischer und universeller Bindung füreinander verantwortlich sind. Dass ihm dabei das ideelle Modell der katholischen Kirche (katholisch – allumfassend) vor Augen schwebte, ist klar. Er hatte Angst vor der so genannten kommunistischen Weltrevolution, die als das Horrorszenario im Westen der 50er und 60er Jahre verbreitet wurde. Kirche und ihre Erziehungsziele waren auf den weltpolitischen Alptraum ausgerichtet, dem die als solche erzogenen Soldaten Christi in ihrem Alltag entgegenwirken sollten. Dabei erkannte Rusch zwar die hauseigenen Probleme der Innsbrucker Diözesankirche, war ihnen aber nicht gewachsen, wie etwa dem Loslösen der Obrigkeit von der Kirchenbasis, der wirklichen Probleme der Arbeiterschaft oder der beginnenden Emanzipation der Frau. Beinahe fassungslos sah sich Rusch der apokalyptischen Stimmung in der Tiroler Gesellschaft ausgeliefert. „Wir befinden uns in einer Kulturkrise. Kulturkrise ist Wertkrise. Wir leben in einer Zeit der Dekadenz. Diese Dekadenz ist soweit vorangeschritten, daß sie auch das biologische Erbe schon angreift. Verhaltensgestörte Kinder nehmen zu, ebenso psychosomatische Erkrankungen.“ [26] Der Bischof von Innsbruck sah die ihm gewohnte Gesellschaftsordnung den sprichwörtlichen Bach hinunterlaufen. „Einige große Burschen traten aus der Kirche aus und blieben in der MK. Auch die Präfektin der Mädchenkongregation war aus der Kirche ausgetreten und blieb dennoch Präfektin.“ [27] Einstige Elitekader katholischen Nachwuchses versagten und kritisierten die Kirche so lange, bis sie sich von innen aufzulösen drohte. „Manche Jugendliche des Kennedy-Hauses haben sich vom Religionsunterricht abgemeldet. Das hat in der Öffentlichkeit Aufsehen erregt. Als einer von diesen gar noch zum Präfekten gewählt wurde (er war einer der besten Präfekten, die wir je hatten!), erstatte die staatliche Schule Meldung an den Bischof: für diesen ein weiterer Grund, vom Jesuitenorden meine Abberufung als Leiter des Kennedy-Hauses zu wünschen.“ [28] Die Rolle der Frau als Mutter, wie sie in der Tiroler Gesellschaft der 50er und frühen 60er Jahre verkündet worden war, begann sich ebenso rasant zu verändern. Das neu proklamierte Recht der Frauen auf Selbstbestimmung, als weibliches, gleichberechtigtes Wesen der Gesellschaft, als Mensch ernst genommen zu werden, konnte Rusch nicht nachvollziehen. „Die Abwertung der Frau, die nur Mutter ist, hat weit um sich gegriffen.“ [29] Der Innsbrucker Diözesanbischof glaubte an die Formel: Frau ist gleich Mutter, so wie Gott dies in der Schöpfung und der weiblichen Natur festegelegt hatte. „Die Emanzipation der Frau wurde zur Emanzipation von der Familie. Das ist natürlich eine Fehlemanzipation. Man nimmt Emanzipation als Befreiung von allen Bindungen. Aber die Frau bedarf des Mannes, sonst kann sie nicht Mutter werden. Der Mann bedarf der Frau, sonst kann er nicht Vater werden und kann keine Familie gründen. Und so ist es überhaupt, der Mensch ist gebunden an Luft, an Licht, an Temperament, an seine eigene Natur überhaupt. Das hat man vergessen.“ [30] Dieses Frauenbild baute auf einer Überidealisierung der eigenen Mutter auf. In einer ähnlich gesellschaftlich fixierten Rollenzuschreibung der Geschlechter wuchs P. Coreth SJ auf, 1968 Dekan der Theologischen Fakultät in Innsbruck. Er beschrieb die Rolle seiner frommen, opferbereiten Mutter wie folgt: „Ich bin in Wien aufgewachsen und stamme aus einer sehr guten, überzeugt katholischen Familie, besonders habe ich sehr viel zu verdanken meiner tieffrommen Mutter, die auch religiös gut gebildet war und mir den Keim des Priesterberufes mitgegeben hat.“ [31] Während die Frau den integrativ- introvertierten Part zu verkörpern hatte, wurde dem jungen Mann die Extrovertiertheit anerzogen. „Der Mann ist bestimmt, der christlichen Lehre und Tugend Geltung zu verschaffen durch sein kraftvolles Auftreten nach außen. An den geistigen Wendepunkten nicht bloß der Menschheit - sondern auch der Kirchengeschichte steht daher regelmäßig er. Dem Mann ist daher auch allein die Priesterweihe gegeben, vor allem eben darum, weil es tiefster Sinn des Priestertums ist, das Reich Gottes hinauszutragen in alle Welt, bis an die Grenzen der Erde." [32] Aus solchen Zitaten ist die Stellung der Geschlechter in den 50er Jahren sehr deutlich erkennbar. Es ist damit nicht verwunderlich, wenn „ [...] die Führung nach außen beim Manne liegt: Er ist das Haupt der Familie; daß aber die Frau mehr den inneren Zusammenhalt derselben begründet: sie ist das Herz der Familie. Durch dieses stille Zurücktreten der Frau in der Führung der Familie nach außen entsteht keine Minderwertigkeit für sie. Sie hat als Ersatz dafür den ganzen Reichtum und die volle Tiefe ihres fraulich- mütterlichen Herzens bekommen, und sie tritt ja letztlich auch nicht zurück vor dem Manne, sondern vor Gott, der dies alles so begründet hat." [33] Das Patriarchat war göttlich legitimiert und in der Marienverehrung der katholischen Kirche manifestiert. 3,Die Marianische Kongregation (MK) Innsbruck: Über die Hintergründe des Konfliktes Bischof Rusch gegen Sigmund Kripp SJ – ein Blitzlicht Der folgende Text kann und will nur ein Blitzlicht auf die Situation der Buben MK Innsbruck unter Sigmund Kripp und den untrennbar mit seiner Person verbundenen Konflikt innerhalb der Tiroler Gesellschaft in den 70er Jahren des 20. Jahrhunderts werfen. Oft kommen die in der MK partizipierenden bzw. mitagierenden Jugendlichen von damals heute noch ins Schwärmen über die vergangene Zeit. Pater Kripp wurde in der kollektiven Erinnerung der Innsbrucker Bevölkerung zum Rebell, der sich nicht um althergebrachte Konventionen bemühte, sondern zum Wohle der ihm anvertrauten Jugendlichen neue Maßstäbe setzte. Diese Sichtweise stimmt nur bedingt: Ohne die MK unter Kripp hätte Innsbruck heute den letzten Rest „alternativeren“ Kulturangebots verlören, denn viele Mitarbeiter etwa des Leokino oder der Galerie St. Barabara haben ihre ersten künstlerischen Gehversuche in der Marianischen Kongregation Innsbruck machen können. Dennoch verhielt sich Sigmund Kripp zu Beginn seiner Präses-Tätigkeit [Leiter der MK; Anm.] bezüglich der Erziehung der MK-Buben nicht wesentlich anders wie sein Vorgänger: „Ich erweiterte nur ein bisschen den Bewegungsraum der Jugendlichen, um die dadurch etwas verschobenen und ausgedehnten Grenzen um so eindeutiger durchzusetzen. Dazu hatte ich ja nun auch die Zustimmung der Jugendlichen, weil sie für den erweiterten Freiraum dankbar waren. Später erkannte ich dieses System als das einer repressiven Toleranz." [34] Sigmund Kripp war nach eigenen Aussagen nicht antiautoritär in seinem Erziehungsstil, auch wenn dies seine Gegner immer von ihm behaupteten. „In meiner Innsbrucker Zeit habe ich nicht antiautoritär erzogen. Ich habe höchstens dazu angeregt, ab und zu >>warum<< zu fragen. Das haben nicht alle Schuldirektoren, nicht alle Lehrer geschätzt, obwohl mein Fragen damals noch gar nicht bewusst auf das Entdecken gesellschaftlich bedingter Ursachen von Benachteiligung hinzielte." [35] Oft ist auch die Meinung zu hören, Kripp habe allein wegen seiner pädagogischen Konzepte den Hut nehmen müssen. Zentrale Schlussfolgerung: Kripp als ersten Reformer oder sogar Revolutionär in der MK Innsbruck zu sehen, ist ein falsches Lesen der vorhandenen Quellen. Ob Kripp selbst überaus revolutionäre Inhalte einbrachte, bezweifle ich sehr stark, da er am Beginn seiner Tätigkeit als Präses der Buben MK genauso wie P. Grimeisen den Weg des elitären, christlichen Apostolats verfolgte, wenn auch die Methode, die von den beiden Patres angewandt wurde, nicht immer identisch war. P. Kripp wurde erst durch die Erfahrungen in der MK Innsbruck, durch Zuhören und das sich Einlassen auf die Bedürfnisse der Jugendlichen bzw. die Gegebenheiten der Gesellschaft zum Kritiker des Ordens- und Kirchensystems, das ihn erzogen und geformt hatte, bzw. in dessen Auftrag er agierte. 4.Beschreibung des Konfliktes um Sigmund Kripp SJ „Nicht immer leicht und selbstverständlich gestalteten sich in den vergangenen Jahren die Beziehungen zwischen theologischer Fakultät und der Führungsspitze der Innsbrucker Kirche wie zwischen Leitern und Insassen des Jugendzentrums Kennedyhaus und Bischof. Es muß dieses Faktum hier Erwähnung finden, da sowohl Fakultät als auch Kennedyhaus einen nicht zu übersehenden Einfluß in Glaube und Sittenansicht auf die Kirche Innsbrucks und darüber hinaus ausüben. Offenbar muß hier noch das gegenseitige Vertrauensverhältnis und die Gesprächsbereitschaft stärker werden, dies wohl auch aus der Grundsätzlichen Überlegung, daß gerade der junge Mensch sehr empfindlich reagieren kann, wenn er merkt, daß im „eigenen Haus“ Uneinigkeit besteht.“ [36] Die hier dargestellte Uneinigkeit bezieht sich auf inhaltliche, sowie rein formalistisch-hierarchische Differenzen zwischen Welt- und Ortskirche, als auch auf sozialpolitisch-öffentliche Streitpunkte. Obwohl die Leitung des Kennedyhauses rein kirchenrechtlich nicht dem Innsbrucker Diözesanbischof unterstellt war, verlangte die 31. Generalkongregation des Jesuitenordens eine Zusammenarbeit mit der Ortskirche und der politischen Öffentlichkeit, auch im alltäglichen Entscheidungsprozeß. „In Zusammenarbeit mit den Bischöfen, den anderen Ordensleuten und den übrigen Bürgern, sollen die Unsrigen [Mitglieder der Gesellschaft Jesu; Anm.] darauf achten, daß die Tätigkeit der Gesellschaft im Zusammenhang der gesamten pastoralen und erzieherischen Arbeit des betreffenden Gebietes oder Landes geschehe. In der pluralistischen Welt, wo der Dialog möglich und erwünscht ist, sollte die Zusammenarbeit mit anderen Organisationen, auch wenn diese mit der Kirche oder der Gesellschaft [Jesu; Anm.] nicht in Zusammenhang stehen, bereitwillig in Angriff genommen werden.“ [37] Durch diesen Anspruch der Ordensleitung war die Basis des Konfliktes zwischen Bischof Rusch und Sigmund Kripp SJ gelegt worden. Zudem war der Bischof durch eine Neuerung im Kirchenrecht seit dem Zweiten Vatikanum „[...] in Seelsorgebelangen auch einem exempten (autonomen, direkt dem Papst unterstehenden) Orden wie den Jesuiten gegenüber einspruchsbefugt, doch kann er bei einem Ordenskleriker nur dann den Seelsorgeentzug und/oder Diözesanverweis aussprechen, wenn ein schwerwiegender Skandalfall (res gravis) vorliegt und der zuständige Ordensobere trotz Ermahnung durch den Bischof nichts dergleichen tut.“ [38] Rusch wartete lange auf so einen Vorfall – Kripp selbst sollte ihn publizieren. Für die Tiroler Öffentlichkeit war das Alltagsgeschehen im Kennedy-Haus, wie die MK auch genannt wurde, ein wichtiger Bereich, da die MK damals nicht nur das größte Jugendzentrum Europas, sondern auch der Hoffnungsträger des katholischen Nachwuchses war. „Ein wohl von niemandem unterschätzter „Machtfaktor“ in dem Versuch, sich mit der Gegenwart prinzipiell auseinanderzusetzen, ist überall, vor allem in Innsbruck, der Jesuitenorden, wobei man in diesem Zusammenhang eigentlich von drei Kraftquellen sprechen kann: theologische Fakultät der Universität, Canisianum, Jugendzentrum im Kennedyhaus.“ [39] Wegen dieser überaus dominierenden Bedeutung der Jesuiten am kirchlichen Bildungssektor der Diözese Innsbruck, war Bischof Rusch immer darauf bedacht, besonders auf das Kennedy-Haus Einfluß ausüben zu können. Hier manifestierte sich der Konflikt Orden gegen Ortskirche. Die MK des ehemaligen Präses Grimeisen durften nur Sodalen bevölkern: nur der Mittelschüler, der sich zum katholischen Soldaten der Zukunft ausbilden ließ, hatte in dieser Elitegemeinschaft eine Daseinsberechtigung. Dieser elitären Pädagogik inklusive ihrem apostolischen Auftrag in den 50er und frühen 60er Jahren konnte Bischof Rusch aus ganzem Herzen zustimmen, der „Machtfaktor“ MK im Kampf gegen die entchristlichte Umwelt erschien gesichert. „Auf dem Gebiet der studentischen Seelsorge hat die Studentenkongregation große Verdienste. Sie hat sich nach 1918 auf Jugendbewegung umgestellt und ist gerade so führend geworden. Auch heute, also nach dem Zweiten Weltkrieg, hat sie sich einen guten Rang bewahrt. Die mit der Wendung zur Jugendbewegung erfolgte Erneuerung war wohl nur ein Rückkehren zu ihrem Ursprüngen. Die Kongregation ist studentischen Ursprungs – darum auch hier am meisten beheimatet – und wollte unter der Schutzherrschaft der Jungfrau Maria die wissenschaftliche und charakterliche Ertüchtigung pflegen. Das ist ein Programm, das im studentischen Raum immer aktuell bleiben wird.“ [40] Rusch wollte in den elitären katholischen Bildungsanstalten seiner Diözese Soldaten des Glaubens heranziehen, die für die katholische Sache in ihrem je unterschiedlichen sozialen Milieu kämpfen sollten. Dies unterstrich er mit teilweise noch an die NS-Zeit erinnerndem Vokabular: "Ein Soldat des Aufbaues braucht Zucht und Tapferkeit wie jeder Soldat. Er braucht darüber hinaus das schlichte und treue Arbeitsethos des Arbeiters. [...] Ein Soldat ist nichts, erst im Heer ist er etwas. Ein Soldat des Aufbaues ist nichts, erst im Heer des Aufbaues ist er etwas." [41] Diesem Schema widersprach die Öffnung des Kennedy-Hauses Ende der 60er und Anfang der 70er Jahre. Nun war es allen MittelschülerInnen möglich, die MK zu besuchen. „Katholiken, evangelische Christen und Ungetaufte, Taufscheinchristen und Ungläubige dürfen ihre persönliche Position zur Religion beziehen. Es wird kein einheitliches religiöses Denken als Voraussetzung für die Zugehörigkeit zum Jugendzentrum vorgeschrieben. Angeboten wird die Hilfe auf der Suche nach einem persönlichen Standpunkt zur Religion. Die Erzieher erklären und begründen ihren Standpunkt. Wir bieten den Glauben an. Niemand wird gezwungen, ihn anzunehmen. [...] Die Kirche bekennt sich zu Gewissensfreiheit und Glaubensmündigkeit. Warum sollte sie erschrecken, wenn sie beim Wort genommen wird? Und zwar auch von Jugendlichen. Was wäre das für eine Mündigkeit, wenn diese nur in unserem Sinne davon Gebrauch machen dürften? Die Unehrlichkeit des Taufscheinchristentums hat gerade in dieser theoretisch anerkannten, aber gesellschaftlich noch nicht akzeptierten Glaubensmündigkeit eine ihrer Wurzeln.“ [42] Die Methode, die Religiosität der MK-Mitglieder an der Frequenz religiöser Übungen zu messen, hielt Sigmund Kripp für nicht mehr zeitgemäß bzw. uneffizient, auch wenn die kirchliche Obrigkeit dies von ihm verlangte: „Die Christen einzuteilen in solche, die sonntags in die Messe gehen, und solche, die es nicht tun, verleitet zur Heuchelei. Zu viele Sonntagsmessbesucher sind im Alltag schlechte Christen. [...] Die Not im Mitmenschen zu entdecken und zu lindern, sehe ich als Aufgabe einer echten religiösen Erziehung an.“ [43] Bischof Rusch wollte diese, vor seinen Augen in der MK beginnende „Aufweichung des dreifachen katholischen Bollwerks“ in Innsbruck (MK, Theologische Fakultät und Canisianum) nicht zulassen. Rusch vertrat in dieser Hinsicht eine stark formalistische und ängstliche Religionspädagogik: althergebrachter Sakramentenempfang und religiöses Brauchtum galt ihm als einzig zu vermittelnder Weg der religiösen Erziehung Jugendlicher. „Wir hatten in Innsbruck eine starke Studentenkongregation. Sie wurde von einem Pater eines Eliteordens geleitet. An mich kamen Nachrichten, daß sich die Sache nach dem Schlechteren entwickle. Akademisch gebildete Eltern beklagten sich bitter darüber, was ihre Buben und Mädchen nun alles mitmachen mußten. Alles werde angezweifelt, der Glaube sei zutiefst gefährdet. Das veranlaßte mich, mit dem Pater einige Besprechungen zu halten. Die Gefährdung erwies sich als gegeben. Die Besprechungen hatten jedoch keine Wirkung.“ [44] P. Kripp hingegen insistierte bei den erwähnten Gesprächen mit Bischof Rusch, daß die Jugendlichen in ihrem religiösem Leben selbst kreativ werden konnten. „Es ist ungerecht und traurig, wenn gerade in dieser Beziehung dem Kennedy-Haus Neuerungssucht und Sensation unterschoben werden.“ [45] Basierend auf diesen Vorwürfen sah Bischof Rusch es als seine Pflicht an, beim Jesuitenoberen gegen Sigmund Kripp zu intervenieren. Mitglieder der MK verteidigten die religionspädagogische Linie P. Kripps, indem sie auf die kirchliche Praxis liberalerer Länder wie Holland verwiesen. „Katholizismus in Holland ist zu einem Begriff geworden, der oft mit dem Beigeschmack des Extremen oder vielleicht sogar Ketzerischen behaftet ist. [...] Der Nährboden für diese Ideen war das Bedürfnis, eine zeitgerechte Form unseres Glaubens zu finden. Das Grundprinzip konnte nur ein Prinzip der Freiheit sein – nicht etwa der Freiheit von jedem Gesetz, sondern der Freiheit zu einer persönlichen Religiosität. Dieses System bedeutet ein Mehr an Verantwortung, ein Mehr an Einsatz und Bemühungen für den Glauben, ein Mehr an Mut.“ [46] Rusch sah in diesen Neuerungen, ausgehend von der MK Innsbruck nur eine endlich zu besiegende Spielart des Modernismus. „Der zu Beginn dieses Jahrhunderts ausgebrochene sogenannte Modernismusstreit war nur autoritativ gebremst, aber nicht geistig überwunden worden. Die Auseinandersetzung wurde nicht vorgenommen.“ [47] An der Vorgehensweise der Absetzung Kripps ist sehr gut belegbar, wie der Jesuitenorden sich gegen die Diözese stellte und zumindest nach den Schilderung von P. Coreth alles tat, um einen der Ihren im Amt zu halten. Dies versicherte Coreth seinem Ordensbruder Kripp gegenüber ausführlichst. Dabei ging es in erster Linie darum, dem amtierenden Bischof nicht nachzugeben, der die Entlassung des Jesuiten Kripps forderte. Wegen dieser Machtprobe stellte die Ordensleitung sogar eigene Interessen hintan. "Der Orden wollte mich schon lange versetzen, um den anschwellenden Konflikt nicht austragen zu müssen; er weigerte sich nur aus ordenspolitischen Gründen, dies zu einer Zeit zu tun, in der der Bischof ständig auf meine Abberufung bestand - eine Versetzung wäre als Abhängigkeit des Ordens vom Bischof interpretiert worden." [48] Wichtige Schlussfolgerung: Die Tiroler Öffentlichkeit erlebte hier eine innerkirchliche Machtprobe: Orden gegen Ortskirche. Pater Kripp vertrat während seiner Zeit in Innsbruck als Leiter des Kennedyhauses keine revolutionäre, die Kirche in Frage stellende Pädagogik oder Inhalte. Der Konflikt Kripp versus Rusch war kaum fundamentaltheologischer, nur am Rande pädagogischer Natur, sondern hauptsächlich eine Machtfrage. Gerade deshalb wurde er mit kirchlichen Mitteln und über kirchliche Instanzen geführt. Es ging am Ende nicht mehr um eine Aussprache oder eine gemeinsame Linie in der Erziehung, sondern um Macht und Beruhigung der Öffentlichkeit. Sicher hatte Kripp in dieser Zeit auch unter den Jesuiten Befürworter für die Öffnung der MK und die pädagogischen Experimente, die er in der MK vollzog. „Es wird im kirchlichen Experiment [im Unterschied zur naturwissenschaftlichen Laborsituation; Anm.] eben gar nicht nur experimentiert, sondern real kirchlich gehandelt und gelebt.“ [49] Kein geringerer als Karl Rahner sprach sich in hauseigenen Publikationen der MK für Veränderungen im pädagogischen Bereich der Kirche aus, für eine zeitgemäße Adaption der christlichen Tradition. Rahner kritisierte im Hinblick auf die MK Innsbruck die Sturheit und Unflexibilität der leitenden kirchlichen Stellen, sich offen auf neue Situationen und echte Alternativen einzulassen. „Der kirchliche Gesetzgeber bietet zum Experimentieren doch nur eine gewisse Auswahl (mehr oder weniger) deutlich schon bekannter Alternativen zur Erprobung, welche zu einem schon fixen Ziel besser geeignet ist, so daß das Ergebnis den konzedierenden Gesetzgeber nicht überraschen kann. In seinen Augen ist die durch das Experiment zu treffende Wahl bloß selektiv, nicht kreativ, das Ergebnis, die Adaption eines schon vorgegebenen und als solches schon eindeutig bekanten Wesens an eine neue Situation (auf deren Veränderung man schon von vornherein verzichtet hat, sei es, weil man sie nicht verändern kann oder müde meint, es nicht zu können), nicht die Mutation eines Wesens in ein neues. [...] Wir müssen uns in der Kirche endlich daran gewöhnen, daß ein Monolithismus auch in der Kirche kein Ideal ist, daß Unruhe, Versuch und auch ein Stück Widerstreit nun einmal auch zum Leben der Kirche gehören.“ [50] Bischof Rusch hatte genau das hier von Rahner kritisierte Bild von Religion. „Der heute dominierende Zeitgeist kennt andere Kategorien als Glaube und Religion. Heute ist alles dynamisch auf Werden hin eingestellt. Religion ist statisch und vermittelt Ruhe und Bleiben.“ [51] P. Kripp identifizierte sich zu dieser Zeit eindeutig mit der Tiroler Kirche und Gesellschaft - dies schloss die Sorge um das Schicksal individueller Jugendlicher und deren bestmögliche Persönlichkeitsentfaltung nicht aus. Dennoch durchschaute P. Kripp die vielen Zusammenhänge und seine Rolle, die er als Erzieher innerhalb der Gesellschaft spielte, nicht, sondern konnte erst nach seinem Ausscheiden aus dem Orden seinen damaligen Einfluss auf die Jugendlichen der MK erkennen: „In der zweiten Hälfte meiner Innsbrucker Zeit vertrat ich einen gesellschaftlichen Pluralismus innerhalb des geschlossenen Tiroler Gesellschaftssystems, dessen Rahmen weitgehend von Kirche und wirtschaftlichen Interessen vorgegeben war. Ich vertrat also einen Verbalpluralismus innerhalb sehr enger Grenzen. Dies war möglich, weil das Jugendzentrum von einem sehr homogenen Publikum frequentiert wurde. [...] Dieser begrenzte Pluralismus gefährdet keinen Machtträger." [52] Die Mehrheit der MK-Mitglieder kam aus kleinbürgerlichem, katholisch sozialisiertem Elternhaus und war gewohnt Autoritäten zu gehorchen. Weitere Schlussfolgerung: Kripp begegnete dieser Erziehung der Jugendlichen zu Soldaten des Kalten Krieges, die im geistigen Kampf geschult wurden, mit Unverständnis, da er in seiner Arbeit viel mehr den einzelnen Jugendlichen fokussierte, während er gleichzeitig den apostolischen und kirchlichen Auftrag der Kongregation immer akzeptierte. Wenn Kripp Bewußtseinsbildung anregte, so wollte er innerkirchliche Reformation, Evolution einer Kirche, deren Teil die MK war und ist. Keineswegs propagierte oder leitete er den Umsturz aller Normen, wie ihm Bischof Rusch zum Vorwurf machte. Kripp wollte die Kirche nach seinen Vorstellungen für die Jugendlichen öffnen. Auch wenn es daher keine sogenannte „68er Revolution“ in der MK Innsbruck geben konnte, deren Folge konsequenterweise die Selbstauflösung einer hierarchisch aufgebauten, traditionsreichen, kirchlichen Institution wie der MK gewesen wäre, so waren die Folgen dieser an anderen Orten stattfindenden „Revolution“ deutlich spürbar - beginnende Bewußtseinsbildung, Diskussion, Kritik an Macht- und Herrschaftsfragen etc. All dies breitete sich langsam auch in der MK aus. Ein großes Konfliktfeld war die Erziehung der Buben in der MK zur Wahrnehmung der eigenen Sexualität. Als notwendigen und natürlichen Reifungsprozeß erkannte P. Kripp die Probleme der Jugend mit der Sexualität erst, nachdem er sich unter den Jugendlichen umgehört und deren Bedürfnisse und Fragen verstanden hatte. „Eine kirchenunabhängige pädagogische Praxis in einem den Jesuiten unterstehenden Jugendzentrum ist natürlich konfliktgeladen - und dies ganz besonders im Bereich der Sexualität. Als ich diese Praxis dann auch noch - wenngleich mit vielen Auslassungen - nach fast fünfzehnjähriger Jugendarbeit in Innsbruck beschrieb, war meine Position nicht mehr zu halten. Als hätten sie sich an ihren eigenen Geschlechtsteilen verschluckt, war es den amtlichen Talarträgern nicht einmal möglich, in eine Diskussion über Fragen der Sexualität einzutreten. Sie bestanden nur auf meiner Absetzung." [53] In dieser Hinsicht führte Bischof Rusch das Feld der Gegner Kripps an. Er war über das Resümee Kripps als Präses der MK sehr empört und konnte es kaum fassen, daß die einstige geistige Elite der katholischen Mittelschüler zentrale Glaubenswahrheiten der Kirche in Frage zu stellen begann. „Der in Rede stehende Pater brachte ein Buch mit dem Titel „Abschied von morgen“ heraus. Darin stand zu lesen, niemand glaube zwar daran, daß Christus nach der Wandlung in der Hostie gegenwärtig sei, aber man mache es den Kindern vor, als ob das Wahrheit wäre. Das war immerhin eine Verleumdung seltenen Ausmaßes. Das Buch erschien mit Gutheißung der Ordenszensoren!“ [54] Ebenso konnte Bischof Rusch die „Abschied von morgen“ zugrundeliegende, offenere Haltung gegenüber den Themen Sexualität und Beziehung nicht teilen. Er mußte auf Kripp verärgert reagieren, wenn dieser in seiner Publikation etwa folgendes geschrieben hatte: „Es läßt sich zum Beispiel einfach nicht begründen, warum Onanie eine Sünde sein soll. Sie schadet weder den Jugendlichen selbst noch irgendeinem Mitmenschen. Die Tat wurde in der katholischen Moral ursprünglich als Sünde eingestuft, weil man dem Mann die ganze Zeugungskraft zuschrieb und so Onanie zur Abtreibung wurde.“ [55] Aus einem ganz anderen Weltbild heraus kommend, beschrieb Rusch, wie er sich sexuelle Erziehung und die Grundhaltung der Jugendlichen ihrer eigenen Sexualität gegenüber vorstellte. "Der Mensch steht im Widerspruch zwischen Pflicht und Neigung! [...] Gleichfalls tut es not, daß wir die Kräfte unseres Inneren zu beeinflussen lernen, damit wir im Widerstreit entscheiden können." [56] Das Innere, Unbewußte und Triebhafte wurde negativ verstanden, da es nicht mit der Ratio allein faßbar und kontrollierbar ist. "Hast du die Freiheit zur Reinheit oder bindet dich der Trieb so stark, daß du das nicht fertigbringst?" [57] Am meisten wurde das sittliche Anforderungsprofil des Bischofs an die Jugendlichen deutlich, wenn er Triebe mit Krankheit und Tod gleichsetzte. „Der Trieb ist gewaltsam. Er will sich durchsetzen. Man leidet darunter und kommt doch oft nicht dagegen auf. [...] Und er verbindet Lust und Tod. Viele Menschen sterben wegen übermäßigem Genuß. Der Zeugungstrieb verbindet Lust und Krankheit. Auf einem Quadratmillimeter haben, je nach Größe, eine Viertelmillion und mehr Bazillen Platz. Ein junger Bursch küßt ein Mädchen, das geschlechtskrank ist. Er ist von Lust getrieben, dabei können Millionen von Bakterien übertragen werden. [...] Dem allem widerstrebt der Geist." [58] Rusch vertrat also, wie hier mehr als deutlich wird, die klassische repressive Sexualerziehung der katholischen Tradition, die seinerzeit P. Kripp, als Schüler in einigen von Ordensbrüdern geführten Internaten, selbst zu schaffen gemacht hatte. „Sexualerziehung gab es in keinem der Internate, die ich besuchte. Über Sexualität wurde nicht geredet, um Reinheit täglich gebetet. De facto wurde natürlich eine repressive Sexualerziehung praktiziert. Sie beruhte auf Förderung der Unkenntnis im Sexualbereich, völliger Separierung vom anderen Geschlecht, Abschirmung gegen Einflüsse von außen, Tabuisierung des Themas. Die Folgen dieser Erziehung drückten sich bei mir in Angst und schlechtem Gewissen aus. In Hinblick auf die Vorerziehung zum Priestertum war besonders das Thema Frau und Mädchen so tabuisiert, daß ich es nicht einmal merkte." [59] Kripp sprach in den Anmerkungen über seine Erziehung im Internat auch die dort erlebte Doppelbödigkeit an: viele Jungen stahlen sich für kürzere Zeit vom Jesuiteninternat weg und lebten heimlich die unterdrückten Inhalte der repressiven Erziehung aus. Es ist selbstverständlich, daß sich Kripps Meinung, wie die Kirche mit Sexualität umging, auf seine Leitungsaufgabe der MK auswirkte. „Die Auffassungen über Geschlechtlichkeit und Liebe haben sich auch innerhalb der katholischen Kirche tiefgehend gewandelt. Viele Jugendliche haben dafür nochmals andere Ansichten. Diese Ansichten dürfen sie äußern und leben, auch wenn ich sie für falsch halte. Verbotskataloge sind kein geeignetes Erziehungsmittel. Wohl aber sind Diskussionen, persönliches Gespräch, Information und Konfrontation geeignete Mittel der Bewußtseinsbildung.“ [60] Kripp selbst sah in seiner persönlichen Haltung zur kirchlichen Moralfrage den eigentlichen Grund seiner Absetzung. „Etliche meiner sozialpädagogischen Theorien widersprechen der offiziellen kirchlichen Lehre im einen oder anderen Punkt. Das habe ich nie geleugnet. Meiner Meinung nach läßt aber der verpflichtende Charakter besonders der kirchlichen Sexualmoral aus sehr guten Gründen unterschiedliche Grade der Verpflichtung zu, die den Gegenargumenten, dem kulturellen Wandel, dem Fortschritt in Psychologie und Sozialwissenschaften, der prozeßhaften Entwicklung der Sozialgeschichte entsprechen. Meine von der heutigen offiziellen Lehre abweichenden pädagogischen Theorien sehe ich als durchaus christlich an." [61] In der MK war dieses theoretische Bekenntnis einer neuen Sexualpädagogik unter dem Schlagwort „Koeduktion“ bekannt. „Im Kennedy-Haus begegnen sich Buben und Mädchen: beim Tanzkurs, bei den zahlreichen gesellschaftlichen Veranstaltungen, in den – von der Arbeit oder dem Interesse her – gemischten Sektionen, bei den Diskussionsrunden der Oberstufe ... oder einfach so: im Haus ... man trifft sich. Wir halten es für richtig, daß sie in unbefangener Atmosphäre sich verstehen und berücksichtigen und miteinander arbeiten lernen.“ [62] Für Rusch muß dies wie ein Freibrief zu sexueller Beliebigkeit geklungen haben, vor allem nachdem er von besorgten Eltern, gleichsam aus zweiter Hand, diverse Erzählungen aus dem Alltagsleben der MK gehört hatte. „Die Buben– und Mädchenkongregationen waren zusammengelegt worden. Darüber kann man reden. Aber es geschah mehr. Burschen und Mädchen hatten miteinander Verhältnisse mit geschlechtlicher Verbindung. Es kam vor, daß ein Bursche zugleich mit zwei Mädchen geschlechtlich verbunden war. Das bewirkte bei Mädchen wieder Selbstmordversuche.“ [63] Erneute Schlussfolgerung: Die Thematisierung von Fragen zur Sexualität hatte die sehr oft moralisierenden Antworten der Kirche in Frage gestellt und eine Diskussion unter der katholischen Elite der Zukunft, als welche die MK in der Öffentlichkeit und von den kirchlichen Autoritäten gesehen wurde, ausgelöst. Diskussion und Kritik an der Kirche und den von ihr vertretenen Inhalten war aber eine Eigenschaft, die ein Marianischer Sodale in den Augen des Bischofs und anderer kirchlicher Autoritäten nicht lernen durfte. Ein ebenso lang andauernder Streitpunkt war die von der MK publizierte Zeitschrift >>Wir Diskutieren<<, an deren Herausgabe die Jugendlichen selbst arbeiteten. „Wir Diskutieren ist ein Diskussionsblatt, in dem Jugendliche ihre Meinung darlegen und versuchen, sie zu begründen. [...] Manchmal hört man auch die Ansicht, daß Jugendliche nicht reif genug seien, um wohlbegründete Meinungen niederzuschreiben. Das mag stimmen. Die Diskussion ist aber ein gutes Mittel, um reifer zu werden.“ [64] Bischof Rusch vertrat die Meinung, daß ein kircheninternes Blatt für Jugendliche der Erziehung derselben zu dienen hatte und nicht zu deren Verunsicherung, herbeigeführt durch unreife Aussagen von MK-Mitgliedern. Vor allem störte ihn die in der Mitgliederzeitung offen vorgebrachte Kritik an kirchlichen Würdenträgern und weltlichen Autoritäten oder Institutionen. Rusch wollte ein in seinen Augen so aufmüpfiges Verhalten von Marianischen Sodalen nicht dulden. „Diese MK gab auch ein von den jungen Leuten geschriebenes Blättchen heraus. Da regnete es von Angriffen auf die Mittelschulen und deren Lehrer; desgleichen von Angriffen auf das Bundesheer. Die Kardinäle wurden als überalterte, rückständige Leute gekennzeichnet. Die Moral, die dort gelehrt wurde, war bereits [...] jenseits des Zweifelhaften. In Rom waren führende Kardinäle über diese Zustände entsetzt.“ [65] So forderte und vereinbarte Rusch mit den Jesuitenoberen, daß die Zeitschrift zensuriert würde. „WD [Wir Diskutieren; Anm.] zählt zu den schärfst zensurierten Zeitschriften: Vom Orden sind zwei Universitätsprofessoren als Zensoren bestimmt. Außerdem zensuriert Dr. Reiss SJ die Zeitung als verantwortlicher Redakteur und schließlich sehe ich [gemeint ist Sigmund Kripp; Anm.] mir selbst vor der Drucklegung die meisten Artikel an.“ [66] Kripp sah diese Vereinbarung als Kontrollmechanismus des autoritären Machtapparats Kirche an, der seine Mitglieder für zu unmündig, zu ungebildet und zu manipulierbar hielt, so daß die Zensur unter dem Vorwand eingesetzt wurde, all dies geschehe nur zum Selbstschutz der Jugendlichen. [67] „Gerade die katholische Kirche müßte erkennen, daß sie auch durch ihre Pädagogik dem Nationalsozialismus zugearbeitet hat und heute noch Kolonisation und Unterdrückung erleichtert." [68] Wer nur gefilterte Informationen erhält, ist leichter zu kontrollieren und in Hörigkeit der Autorität gegenüber zu halten. „Die Geschichte hat doch längst gezeigt, wohin kritiklose Autoritätsgläubigkeit führen kann. Man redet sich dann auf Befehlsnotstand aus, wenn man Tausende Unschuldiger getötet hat. Ob wir Politiker, Priester oder Erzieher sind: wir müssen uns der Versuchung, die von uns abhängigen Menschen herumzumanipulieren, bewußt sein.“ [69] In den Aufzeichnungen der Konsultbücher spiegelten sich die Vorwürfe seitens des Bischofs betreffs der MK-Zeitung wider und es wurde die auferlegte Zensur sehr sarkastisch kommentiert. „Die Verantwortung für alle ketzerischen, neuerungssüchtigen, linksradikalen, kritiklasterhaften und destruktiven Artikel würden wir jedoch einem vom bischöflicher Seite approbiertem Cencor episcopalis übertragen.“ [70] 5.Chronologie der Auseinandersetzungen zwischen Bischof Rusch und Sigmund Kripp Paulus Rusch besuchte das unter der Leitung Kripps stehende Kennedy-Haus insgesamt nur vier Mal. „Mit Kripp verkehrt er, wenn überhaupt, nur noch brieflich – durch Klageschreiben an Kripps Vorgesetzten, den Provinzial der österreichischen Jesuitenprovinz.“ [71] Zudem unternahm der Bischof diverse Versuche, um den Alltag in der MK nach eigenen Idealen zu gestalten: „Zensur der Schülerzeitung [„Wir Diskutieren"; Anm.], erzwungene schriftliche Bekenntnisse zum katholischen Glauben und zu christlichen Erziehungsprinzipien, erzwungener Gehorsam und Badehosenvorschriften ..." [72] Dessen unbeeindruckt veranstaltete P. Kripp immer wieder Diskussionsabende im Kennedy-Haus mit Eltern und Jugendlichen, um die von den Jugendlichen aufgeworfenen Fragen auch an deren Eltern richten zu können. Diese Diskussionsabende gefielen Bischof Rusch nicht, da man seiner Ansicht nach über Aussagen des Kirchlichen Lehramtes nicht diskutieren durfte. Zu diesem Zeitpunkt war der Konflikt MK gegen Bischof schon längst ein öffentlicher geworden – vor allem durch die Medien. Diese verabsäumten es, großteils objektive Berichterstattung zu liefern und gestalteten den Konflikt Rusch gegen Kripp entscheidend mit. Bischof Rusch sah sich benachteiligt: „Die führende Tageszeitung von Innsbruck nahm jeweils leidenschaftlich und einseitig gegen die offizielle kirchliche Linie Stellung. Die entsprechenden Artikel wurden mit Balkenüberschrift auf der ersten Seite gebracht. Informationen der Kirche wurden überhaupt nicht aufgenommen oder, wenn doch, dann im Kleindruck auf Seite 20 unter den Kleininseraten, wo sie erfahrungsgemäß niemand las.“ [73] Im Folgenden soll eine kurze, bei weitem nicht vollständige Chronologie des Konfliktes gegeben werden: Elternabend im Herbst 1969 „Im Herbst 1969 geriet unser Jugendzentrum in Schwierigkeiten: die Öffentlichkeit war zu mangelhaft über unsere Erziehungsgrundsätze informiert, unsere Zeitung verursachte Ärger, es entstanden Ablehnung, Mißverständnisse und eine unhaltbare finanzielle Situation.“ [74] Um alledem entgegenwirken zu können, hielt Kripp die einmal jährlich stattfindende Hauptversammlung der MK erstmals in größtem, öffentlichen Rahmen mit dazugehöriger Prominenz ab. „Erfreulicherweise konnten wir in dem vollbesetzten Saal des Hotel Maria Theresia neben den vielen Eltern und Professoren auch namhafte Persönlichkeiten, wie Landeshauptmannstellvertreter Dr. Fritz Prior, Landtagspräsident Bürgermeister DDr. Alois Lugger und Landtagsabgeordneten Josef Thoman sowie die Direktoren Auer vom Akademischen Gymnasium und Schwarz vom Mädchengymnasium, begrüßen. [...] P. Kripp sagte seine Arbeit müsse von Tatsachen ausgehen, da sich Gesellschaft und Kirche im Umbruch befinden. Die Amtsautorität wird von der Jugend, die nach mehr Eigenverantwortung drängt, angezweifelt. Den allgemeinen Vorwurf, aus der MK kämen zuwenig Priester, machte er mit der Tatsache, daß sich jährlich viele freiwillige Missions- und MK-Helfer melden, zunichte. P. Kripp sagte, daß die Jugend durchaus nicht immer mit ihm übereinstimme, und daß es oft zu schweren Auseinandersetzungen kommt.“ [75] Zudem konnte Kripp seine Arbeit vor einflußreichem Publikum verteidigen bzw. folgendermaßen präsentieren: In der Unterstufe existierten 45 Jungschargruppen, vielfältiges Freizeitangebot, sexuelle Aufklärung, Faschingsveranstaltung, Missionsbazar. Für die Oberstufe wurde die Sektionen, das CIK, das AEI, die Sommerfahrten und Lager erläutert. Abschließend rechnete Kripp den prominenten Anwesenden die Kosten des Kennedy-Hauses vor, allein der Unterhalt für das Kennedy-Haus erforderte eine Million Schilling. Er stellte in diesem Zusammenhang unter notarieller Aufsicht die Vertrauensfrage an das Publikum: Wenn die Arbeit im Jugendzentrum wie bisher ablaufen sollte, dann hatten die anwesenden Politiker und Amtsträger die Finanzierung zu garantieren. Das Ergebnis war eindeutig: „Anläßlich eines einberufenen Elternabends stimmten in geheimer Wahl über 1100 der 1200 Anwesenden für die Weiterführung der Arbeit im Kennedy-Haus.“ [76] Die erste öffentlichen MK-Hauptversammlung zusammenfassend, ergaben sich drei Punkte: Erstens war die Finanzierung des Jugendheims gedeckt. Zweitens wurde ein Elternbeirat zur Demokratisierung der MK geschaffen. Dieses vierzigköpfige Gremium wurde in den MK- internen Entscheidungsprozeß eingebunden und war gedacht, um die Sorge Ruschs vernachlässigen zu können, die Eltern könnten keinen Einfluß auf ihre Kinder im Kennedy-Haus nehmen. „In der zunehmend gereizten Atmosphäre (Rusch!) solidarisiert sich dieser Elternrat mit der Leitung des Kennedyhauses auch in der Öffentlichkeit.“ [77] Drittens wurde die Mädchen- und Buben-MK organisatorisch und dem Programm nach vereinigt, wodurch die schon lange betriebene Zusammenarbeit der beiden Geschlechter im Jugendzentrum offiziell anerkannt wurde. Silvesterpredigt 1971 von Bischof Rusch Eltern hatten bei Bischof Rusch protestiert, daß in der MK kein Glauben mehr vermittelt, sondern nur noch Fragen aufgeworfen würden und stellten ihrerseits die Frage, wo denn das Katholische an der MK bliebe. „Der Direktor des Akademischen Gymnasiums, Hofrat Hans Auer, ältester Widersacher des Kripp-Experiments und als Bildungsoffizier der Tiroler Schützen selbsternannter Retter des Abendlandes, liegt dem Bischof seit Jahren in den Ohren, Kripp abzuberufen.“ [78] Vor diesem Hintergrund kritisierte der Bischof in seiner Predigt erstmals öffentlich (!!!) den Alltag im Kennedy-Haus, u.a. das Nackt-Duschen der Buben und Mädchen, zu dem Kripp in der MK direkt anleiten würde. Gemeint war „[...] die Tatsache, daß es neben dem Turnsaal nach Geschlechtern getrennte Gemeinschaftsduschen gab.“ [79] Rusch hatte lange vor seiner Predigt von Kripp verlangt, daß in jeder der zwei nach Geschlechtern getrennten Gemeinschaftsdusche Vorhänge eingebaut werden sollten, sonst hätte er Subventionen der Diözese für die MK gestrichen. Die Vorhänge waren bald von den Jugendlichen heruntergerissen worden. Zudem verurteilte Rusch die schriftlichen Ausführungen von P. Kripp in „Wir Diskutieren", in denen Kripp sich weigerte voreheliche Beziehungen bzw. Onanie nicht als unbedingt moralisch verwerflich zu bezeichnen, sondern zur eigenen Bewußtseinsbildung aufforderte. Rusch zitierte in seiner Predigt daraufhin diverse nicht näher benannte Studien: „Daß vorehelicher Geschlechtsverkehr bis zu zwölfmal häufiger Krebs der Mutterorgane (zur Folge hat) als normal [...]“ und dabei die „[...] Geschlechtskrankheiten auf das Dreifache ansteigen [...]“ [80] wurde als wissenschaftliche Argumentation verwendet. Der letzte Vorwurf an Kripp lautete, dass bei Diskussionsabenden in der MK dogmatische und moralische Fragen nur unzureichend erörtert würden. Zu dieser öffentlichen Anklage notierte das MK-Konsult: „Hierauf ging das Gespräch auf die Sylvester-Predigt des ehrwürdigen Herrn Bischof Dr. Paulus Rusch und die Reaktionen darauf über. Dabei waren sich alle einig, daß wir es den Eltern, der falsch informierten Öffentlichkeit und unserem Ruf schuldig sind, die Anschuldigungen zurückzuweisen und zur Vermeidung von Unklarheiten unseren Beitrag zu leisten. Dazu wird unsere Zeitung zur Verfügung stehen, wo auch Jugendliche die Möglichkeit haben, ihre Meinung darzulegen. Klar zu Tage trat, daß der MK an einem Streit mit dem ehrwürdigen Herrn Bischof nichts liegt.“ [81] Brief von Bischof Rusch an P. Kripp, vom 24.1.1972 „Der große politische Zusammenhang ist dieser: Es ist erwiesen, daß vom Osten sehr viel Geld eingeschleust wird, um den Westen zu erweichen. Es ist erwiesen, daß chinesische Führer ausdrücklich gesagt haben, der Westen müsse entmoralisiert werden, dann werde er von selbst erliegen. [...] Wenn die Dinge aber so sind, dann hat eine kirchliche Jugenderziehung heute die Aufgabe, echte Soldaten des Geistes heranzubilden, die an Selbstüberwindung und Opfer gewöhnt sind und Selbstüberwindung und Opfer auch nach innen hin zu leisten bereit sind." [82] In diesen Zeilen lässt sich die von Angst erfüllte Pädagogik des Bischofs erkennen, vom kommunistischen Osten überrannt zu werden. „Durch absolut verläßliche Quellen ist mir bekannt, daß vom Osten viel Geld eingeschleust wird, um den Westen zu unterwandern.“ [83] Wichtige Schlussfolgerung: In den Augen des Bischofs mußte die pädagogische Praxis eines Sigmund Kripp die kommunistische Weltrevolution begünstigen, weil dieser durch die Aufweichung des Elitenverständnisses der MK den Untergang des katholischen Abendlandes von innen heraus begünstigte. Während im kommunistischen Osten viele Priester verfolgt und für den Glauben starben, sah der Bischof von Innsbruck die katholische Elite der Zukunft verwelken. Ich spreche in diesem Zusammenhang von der bischöflichen Dolchstoßlegende in Innsbruck. Bischof Rusch besteht am 3. 3. 1973 beim Provinzial des Jesuitenordens auf der Ablösung Kripps Bischof Rusch besteht im Sommer 1973 beim Provinzial des Jesuitenordens erneut auf der Ablösung Kripps „[...] diesmal unter Androhung, mir die Jurisdiktion zu entziehen und mich der Diözese zu verweisen. Das war ein ziemlicher Hammer, einen konkreten Anlaß gab es nicht. [...] Es kam noch einmal ein Kompromiß zustande, der mir nicht behagte. Unter Zureden des neuen Rektors und Provinzials unterschrieb ich ein vom Bischof vorgelegtes Papier, in dem ich mich verpflichtete, christlich zu erziehen. Ich war der Meinung, daß ich dies schon immer getan hatte, und wußte natürlich, daß er unter >>christlich<< seine Pädagogik verstand." [84] Kripp ließ infolge dessen eine Erklärung in der Tiroler Tageszeitung publizieren: „Deshalb erklären wir vor der Öffentlichkeit unsere Absicht, im kommenden Herbst die pädagogische Linie des Hauses von einer Fachkommission beurteilen zu lassen. Wir schlagen vor, diese Fachkommission aus Theologen, Pädagogen und Eltern zusammenzusetzen. Wir erklären weiterhin, ehrliche und vorurteilslose Gespräche mit den zuständigen kirchlichen Amtsträgern, möglichst vielen Eltern und Jugendlichen führen zu wollen, um die christliche Erziehung in einer von Spannungen gezeichneten Welt so zu verwirklichen, daß nicht Uneinigkeit sondern Friede als Zeugnis der Liebe in der Kirche verwirklicht wird.“ [85] Diese Erklärung war von den wichtigsten Erziehern und einigen Jugendlichen der MK unterzeichnet worden. Zudem stellte Kripp die Veröffentlichung der Zeitschrift „Wir diskutieren" ein, wie in den Konsultbüchern nachzulesen ist: „Weiters wurde beschlossen, daß WD wegen Schwierigkeiten (Finanzen, Konsumdenken, Zensor) eingestellt wird. Die Sportnachrichten werden im Haus angeschlagen, die MKler werden durch Informationsblätter benachrichtigt.“ [86] Drei Monate später erschien „Wir Diskutieren“ wieder regelmäßig und in gewohnter Art, da es aus dem Alltag des Kennedyhauses nicht mehr wegzudenken war. Die Veröffentlichung des Buches „Abschied von morgen" von Kripp, 1973 Kripp war von geheimen Bemühungen innerhalb des Ordens, seine Entlassung voranzutreiben, nicht informiert. Den Abschluss der Bemühungen von Kripp, den Konflikt mit dem Orden offen auszutragen, bildete eine Podiumsdiskussion über sein 1973 veröffentlichtes Buch mit acht Universitätsprofessoren und insgesamt ca. 2500 Teilnehmern. Am 16. 11. 1973 berief Kripp noch eine letzte Elternversammlung ein, zur gleichen Zeit lag der Kündigungsbeschluss der Ordensoberen schon auf dem Tisch des Jesuitenprovinzials. Die Veröffentlichung dieses Buches war nicht der alleinige Grund, aber sehr wohl der konkrete Anlass, warum P. Kripp als Leiter des Kennedyhauses abgesetzt wurde. Absetzung von P. Kripp durch Jesuitenprovinzial P. Coreth, am 3. 12. 1973 Als direkte Gründe für die Absetzung nannte P. Coreth die kritischen Meinungen von P. Kripp zur Moralfrage, zur Sexualerziehung und zum Religionsunterricht sowie das "eigenwillige, allzu selbständige Vorgehen in der Leitung [...] des Kennedy-Hauses" [87] . Der Machtfaktor, den Kripp in der Jugenderziehung darstellte, war den Jesuiten zu viel geworden. Zudem war der öffentliche Druck zu groß geworden, der auf dem Orden seitens des Bischofs und der Öffentlichkeit verursacht worden war. Zum Buch „Abschied vom morgen" meinte Coreth: „Tatsächlich identifizieren Sie sich weitgehend selbst mit den unreifen Auffassungen der Jugendlichen [... ]. Und damit scheinen Sie [...] in einer nicht nur theologisch, sondern auch pädagogisch unverständlichen Weise Ihren eigenen Standort auf das zu reduzieren, was man Jugendlichen leicht verständlich machen kann und bei ihnen >>ankommt<<. [...] Die Veröffentlichung dieses Buches hat mir jegliches Argument zu ihrer Verteidigung aus der Hand geschlagen. In jedem der inkriminierten Punkte haben sie dem Bischof recht gegeben, mich aber - ihm gegenüber - ins Unrecht gesetzt." [88] Aus der Sicht Coreths hatte dieser Vorwurf an Kripp seine Berechtigung, da man, wie im folgende zitierte Passagen, immer wieder im ganzen Buch verteilt finden konnte: „Wenn ich wieder die Gedanken der Jugendlichen interpretieren darf (sie decken sich durch die ständige Wechselbeziehung vielfach mit meinen eigenen, möchte ich den Ursprung dieser Krise in der allgemeinen Vertrauenskrise, in die Staat und Kirche geschlittert sind, sehen. Weder der Staat noch die Kirche genießen als Institutionen das Vertrauen der Jugend.“ [89] Rusch hatte wegen dieses Buches „[...] formell Häresie-Anzeige gegen Kripp bei der römischen Glaubenskongregation“ [90] erstattet. Zudem hatte Bischof Rusch den Papst bei einem Routinebesuches über den Konflikt in Innsbruck informiert. Es verwunderte daher kaum, daß der Papst Bischof Rusch befohlen hatte, die „Sache Kennedy-Haus in Innsbruck unverzüglich in Ordnung zu bringen“ [91] . Podiumsdiskussion über „Abschied von morgen“, am 13. 12.1973 Kripp initiierte diese Veranstaltung im Innsbrucker Kongresshaus, da ihm die Einwände gegen sein Buch nie persönlich vorgetragen worden waren. Es erschienen fünf Theologen (u.a. Karl Rahner) und ein Erziehungswissenschaftler als Diskutanten. Das Publikum hatte auch die Möglichkeit, Fragen an Präses Kripp zu richten. Der Abend entwickelte sich zu einem Triumph für Sigmund Kripp und seine umstrittene Pädagogik. Kripps Resümee: „Wenn einmal 1500 Innsbrucker Eltern übers Onanieren reden wie übers Kaffeetrinken, da ist doch fürs Kennedy-Haus ein Freiraum da, der läßt sich nicht mehr kaputtmachen.“ [92] In diesem Punkt irrte Kripp, denn nach seiner Entlassung konnte sein Nachfolger P. Aigner die MK noch halten, aber sie verlor an Initiative und Inhalten. Heute, fast 30 Jahre nach den beschriebenen Ereignissen, ist sie zu einer Randerscheinung der Innsbrucker Jugendszene geworden. 6.Abschließende Bemerkungen zur katholischen Jugendarbeit in Innsbruck von den späten 60er bis in die frühen 80er Jahre Feststellung 1: Die kirchen- und gesellschaftskritische Haltung der „68er Revolution“ wäre der Elitenbildung auf katholischem und tirolweitem gesellschaftlichen Milieu nicht förderlich gewesen wäre. Es war Sigmund Kripp, Emil Kettner oder Meinrad Schumacher kein Anliegen zu einer, die Gesellschaft oder Werte umwerfenden Revolution aufzurufen – im Gegenteil, sie akzeptierten die Kirche, die Tiroler Gesellschaft mit dem in ihr vorherrschendem Kleinbürgertum, ja stammten teilweise selber aus diesem Milieu. Diese Feststellung bestätigte Sigmund Kripp selbst: „So habe ich auch bei der Zähmung der Ausläufer der Studentenbewegung, soweit sie sich in Innsbruck bemerkbar machte, mitgewirkt. Eine tiefere Auseinandersetzung mit den Ideen der Studentenbewegung fand in der MK nicht statt. Sie hätte innerhalb des Systems des Jugendzentrums, das von seiner Struktur her autoritär war, auch gar nicht stattfinden können, ohne an sein Selbstverständnis zu rühren, was unter meiner Leitung nicht gefragt war. [...] Alle Anfragen waren aber reformistischer Natur, ausgerichtet also auf Verbesserungen und Verfeinerungen der Institutionen, nicht auf grundlegende Veränderungen ihrer Ziele." [93] Feststellung 2: Die Einstellung – Reformation statt Revolution – vermittelten die mit Jugendarbeit betrauten Seelsorger auch ihren Schützlingen, die nicht im klassischen Sinne revoltierten, sondern gegen die Lebenswelt ihrer Eltern aufmüpfig agierten, also den Alltag der 50er und 60er Jahre kritisch in Frage stellten. Die meisten Jugendlichen interessierten sich weniger für lokale Kirchenpolitik und ihre spezifischen Machtverhältnisse, sie wollten ihren Lebensraum und Alltag neu bzw. erfinderisch gestalten. Bischof Rusch lebte im Gegensatz zu den jungen Menschen in einer Welt, in der es klare Fronten von Gut und Böse gab. Schumacher mutmaßte zu Recht, dass gerade diese Klarheit in der Jugendarbeit ab den 60er Jahren nicht mehr möglich war, wodurch sich der Bischof vermutlich überfordert fühlte. „Biblische Theologie, Dogmatik, Pastoral – die simplen Muster der Scholastik griffen nicht mehr. Vor allem aber: Die Ethik! Die Erfahrungen mit den Jugendlichen, die Auseinandersetzungen mit jungen MitarbeiterInnen, das Studium der neueren Literatur, die Seelsorgertagung über Sexualität in Wien, […] all das brachte neue Erkenntnisse und veränderte meine Einstellung grundlegend. Ich frage mich nun, ob Bischof Rusch, der ein so glasklares System im Kopf hatte, bei dieser Umstellung nicht überfordert war.“ [94] Feststellung 3: Es gab keine so genannte "68 er Revolution" in den kirchlich assoziierten Arbeiter-, Mittelschul- und Studentenkreisen, da die für die Jugendarbeit beauftragten Priester bzw. Laien das mögliche Protestpotential der Jugendlichen und Studenten mit kirchlichen Aufgabenstellungen beschäftigten. Es wurde mit der Methode der offenen Jugendarbeit versucht, die kritischen Jugendlichen bei der Stange zu halten – Zentren wie St. Paulus, das Z6, die MK Innsbruck oder die katholische Hochschuljugend Innsbrucks wurden ins Leben gerufen bzw. ausgebaut. Diese Methode billigte und förderte sogar die Diözesansynode in den 70er Jahren, nicht aber Bischof Rusch. Er sah in diesen Zentren die katholische Grundorientierung bei den Jugendlichen als gefährdet bzw. nicht mehr vorhanden an. Da es einen Austausch zwischen den Jugendlichen gab, die in den von Rusch so favorisierten apostolischen Kerngruppen der Pfarren organisiert waren und jenen, welche die offenen Jugendclubs besuchten, fürchtete der Bischof um die Katholizität seiner städtischen Pfarrjugend. Die logische Konsequenz war die Schließung bzw. Umstrukturierung der offen arbeitenden Jugendheime. Rusch sah nicht die Auffangarbeit, welche von Seelsorgern wie Kripp, Kettner oder Schumacher geleistet worden war. Daher wurden sie aus ihren Funktionen entfernt, bzw. in ihren Arbeitsbereichen beschnitten. Feststellung 4: Bei allen Fehleinschätzungen und kontraproduktiven Entscheidungen, die der Bischof in der Jugendarbeit der Diözese seit den späten 60er Jahren getroffen hatte, ist die Tatsache zu unterstreichen, dass die Medien bei der Stilisierung von Rusch als Hort des Traditionalismus kräftig mitgespielten. Erstmals musste sich die Kirche in Tirol mit Attacken von Fernsehen und Zeitungen auseinandersetzen, war aber in der öffentlichen Imagepflege noch sehr unerfahren. Die von den Medien entsprechend aufbereiteten Skandale um und mit dem Innsbrucker Oberhirten sind als der Beginn eines Lernprozesses zu verstehen, wie sich die katholische Kirche in Tirol medial zu präsentieren hatte, um in den Augen der Öffentlichkeit nicht an Wert zu verlieren. Mit Rusch begann das Medienzeitalter auch in der Tiroler Kirche: Public Relation bzw. Image wurden und sind gefragte Normen. Daher ist es auch im Jahr 2004 nicht verwunderlich, dass aus der Sekundärliteratur und Medienberichten meist nur ein ikonenhaftes Heiligenbild des ersten Innsbrucker Diözesanbischofs abgeleitet werden kann, vor allem weil die Protokolle der Bischofskonferenzen zum Zeitpunkt der Abfassung dieser Arbeit unter dem Verschluss der Archivsperre standen, wodurch eine Quellenarmut in der historischen Aufarbeitung des Werkes und Lebens von Bischof Rusch gegeben war. Feststellung 5: In der tirolweiten, sich immer bunter und mannigfaltiger organisierenden Jugendarbeit, hatte die katholische Kirche ihr selbst beanspruchtes Monopol in der Jugendseelsorge verloren. Während in den 60er Jahren noch hauptsächlich katholische Jugendgruppen, die freiwillige Feuerwehr, der Schützen- oder Trachtenverein im Dorf die Jugendlichen anlocken konnte, eröffneten sich dem jungen Menschen zu Beginn der 80er Jahre eine Vielfalt an Möglichkeiten bei Vereinen und Clubs Mitglied zu werden. Dies ergab einen Macht- und Einflussverlust auf die, vor allem im städtischen Milieu lebende junge Generation. Die katholisch geführten Jugendclubs im städtischen Milieu versuchten seit Mitte der 70er Jahre diesem, sich abzeichnenden Trend entgegenzusteuern, konnten ihn aber nicht aufhalten. Die Leiter dieser Heime versuchten Kooperationen einzugehen, die wenn auch nicht so intendiert, zu einer immer größer werdenden Entfremdung der Jugendarbeit von der Kirche führten – private und staatliche Organisationen wurden zum Hauptträger des Vereins- und Freizeitlebens der Jugendlichen. „Neben dem Verein >>Jugend und Gesellschaft<<, dessen Existenz die Bezahlung von Jugendleiterposten im Land Tirol ermöglichte, gab es auch inhaltliche Kooperationen. In Osttirol bildete sich eine Dachorganisation mit dem Namen >>Jugendforum Osttirol<<. >>Pfadfinder<<, Jungbauernschaft, KAJ , das österreichische Kolpingwerk, die Marianische Kongregation, der Evangelische Club, […] haben sich auf verschiedene bis originelle Weise bemüht […]“ [95] eine Plattform zu gründen, um es allen interessierten Jugendlichen leichter zu machen, mehr Angebote zu nutzen und mehr Verantwortung zu erlernen. 1976 trafen sich erstmals die Vertreter der führenden katholischen Jugendzentren Innsbrucks, um eine Kooperation anzudenken: die MK, das Z6 und die Pfarrjugendvertreter aus diversen Stadtpfarren. Ziel dieser Gesprächsrunde war es, gemeinsam Veranstaltungen durchzuführen, wie etwa ein Jugendstadtfest in der Altstadt, oder Austauschmöglichkeiten zu erörtern, wie Räume, Programme etc [96] .
Literaturverzeichnis Alexander, Helmut, Kirchen und Religionsgemeinschaften in Tirol, in: (Hg.) Dachs, Herbert u.a., Geschichte der österreichischen Bundesländer seit 1945, Band 3: (Hg.) Gehler, Michael, Tirol. Land im Gebirge: Zwischen Tradition und Moderne, Wien 1999. [1] Schumacher, Meinrad: In meines Herzens Einfalt ... Persönliche Anmerkungen zur Tiroler Kirchengeschichte der Jahre 1945 bis 1980, Innsbruck 1997, Seite 4. |


