Anmerkungen zur Person Bischof DDr.Paulus Rusch PDF Drucken E-Mail

Anmerkungen zur Person Bischof DDr.Paulus Rusch

Bischof Rusch lässt sich in seinen Entscheidungen nur ansatzweise verstehen, wenn man seine Biographie und Persönlichkeitsstruktur mit bedenkt. Geprägt wurde der junge Paul durch seinen liberal eingestellten Vater, der mit kritischen Äußerungen gegenüber der Kirche nicht hinterm Berg hielt, dennoch dürfte dies ein Motivationsgrund für das Theologiestudium gewesen sein. Seine Kindheit war geprägt durch schlechte soziale Verhältnisse, die eine enorme Belastung für den jungen Mann darstellen sollten. Rusch hatte einen angeborenen Zungenfehler, wodurch er immer bedächtig und langsam sprach, um nicht aufzufallen. Der Vater schickte ihn nicht durchgehend in die Schule, sondern gab dem Kind zuweilen Hausunterricht, woraufhin, wie von bösen Zungen behauptet wird, in späteren Jahren seine Kontaktscheu bzw. seine schlechte Menschenkenntnis gründet. Diese Eigenschaft machte sich in seinem späteren Aufgabengebiet als Bischof bemerkbar, da er oft die falschen Leute an die falschen Arbeitsplätze berief, ohne die Betroffenen vorher zu konsultieren bzw. sich mit ihnen abzustimmen – Entscheidungen in Personalfragen wurden über die Köpfe der Betroffenen hinweg getroffen. Auch grüßte Rusch auf der Straße selten, was bei der einfachen Bevölkerung als Hochnäsigkeit interpretiert wurde. Nach der Abschlussprüfung in Lindau war Paul Rusch in der BTV angestellt, um sich sein Theologiestudium finanzieren zu können. Seine Persönlichkeitsstruktur lässt sich mit der Beschreibung extrem introvertiert und intelligent, aber wenig herzlich zusammenfassen.

Nach Beendigung seines Theologiestudiums wurde Rusch 1934 als Pfarrhelfer in Hohenems eingesetzt. „Als Arbeitervereins – Präses trat er mit seinen sozialen Einsätzen stark ins Rampenlicht, in der Gestaltung der Liturgie stand er an der vordersten Front.“ [1] Geprägt wurde der zukünftige Bischof in diesen Lehrjahren durch den in Österreich extrem gut ausgebreiteten Vereinskatholzisimus und die Nähe zur katholischen Arbeiterschaft.

„Der groß gewachsene, aber schmächtige Doppeldoktor verbrachte seine ersten Priesterjahre als Kaplan in Lech am Arlberg […] und als Arbeiter-Kaplan in Hohenems. Bis ihm 1936 Titularbischof Sigmund Waitz die Leitung des Diözesanen Priesterseminars, das im Canisianum untergebracht war, übertrug.“ [2] Aus dieser Zeit hatte Rusch einige Erfahrungen im Arbeitermilieu gesammelt, die sein späteres Naheverhältnis zur katholischen Arbeiterjugend und sein Engagement für den sozialen Wohnbau erklären. Eine weitere, seine Persönlichkeit prägende Erfahrung, war der Umgang der Nationalsozialisten mit der katholischen Kirche – Rusch sah daher in seinem späteren Leben die Kirche in Tirol immer von dunklen Mächten bedroht. Kirche konnte in seinen Augen nur im Widerstand überleben, egal ob es gegen die Nationalsozialisten, später den Kommunismus oder die so genannte sexuelle Revolution mit dem damit verbundenen Schwund an Werten, ging. „Nach dem Einmarsch der Nationalsozialisten gehörten Hausdurchsuchungen und Brandanschläge zum Alltag des Priesterseminars [dessen Leiter Rusch damals war; Anm.]. 400 Diözesan- und Ordensseminaristen beherbergte das Haus im Innsbrucker Saggen. Rusch versuchte zwar anfangs alles Mögliche, um den Studienbetrieb aufrechtzuerhalten, doch ihm war bewusst, dass dem Canisianum die Schließung bevorstand.“ [3]

Rusch etablierte sich als zentrale Figur der Kirche Tirols und die Antwort seitens Roms ließ nicht lange auf sich warten. „Schon fünf Jahre nach seiner Priesterweihe ernannte Papst Pius XII. - im Jahre 1938 – Paulus Rusch zum Apostolischen Administrator für Innsbruck- Feldkirch. Am 15. Oktober desselben Jahres weihte ihn der damalige Salzburger Erzbischof, Dr. Sigismund Waitz, zum Bischof. Der Spätberufene war damit – im Alter von 35 Jahren – zum jüngsten Bischof Europas geworden. In der österreichischen Bischofskonferenz ist der heute 60 jährige Bischof Rusch Referent für soziale Fragen, für die Auslandsseelsorge und für die Flüchtlingshilfe (mit Ausnahme der Ungarnbetreuung). Außerdem ist Bischof Rusch Präsident der >>Pax Christi<< - Friedensbewegung in Österreich.“ [4] Als diese Zeilen 1963 in der Kathpress veröffentlicht wurden, stand Rusch am Höhepunkt seiner öffentlichen Akzeptanz. Rusch war 1938 zum Titularbischof von Lykopolis und Apostolischer Administrator von Innsbruck – Feldkirch ernannt worden, erhielt wegen der sich abzeichnenden politischen Lage zusätzlich alle Rechte eines residierenden Bischofs für die Administratur Innsbruck, welche erst nach dem Ersten Weltkrieg von der Diözese Brixen abgetrennt worden war. Im Jahre seiner Ernennung war er der jüngste Bischof Europas und verkörperte daher geistigen Aufbruch bzw. totale Aufopferung für eine standhaft bleibende katholische Kirche, was sich auch in seinem Wahlspruch widerspiegelte: Christus, dem König, unser Leben. „Für unser Kirchengebiet war die Bischofsweihe des Seminarregens DDr. Paulus Rusch ein weithin leuchtendes Fanal, und sie brachte uns Jungen [Priestern; Anm.] von damals einen gewaltigen Aufbruch.“ [5] Nicht zuletzt die Jesuiten hatten die Wahl von Rusch bei den österreichischen Bischöfen und in Rom protegiert, erhofften sie doch, dass Rusch die Schließung des Canisianums in Innsbruck verhindern konnte, bzw. die nötige Stärke aufwies, um den neuen Machthabern die Stirn bieten zu können. [6] Vor allem für die katholische Jugend war Rusch ein Signal und Hoffnungsträger gleichermaßen, wie dies Augezeugen immer wieder bestätigen. „Für diesen jungen Bischof waren wir begeistert, und seine Haltung galt uns als Richtpunkt in vielen persönlichen Entscheidungen. Wenn er später in Feierstunden der Jugend sprach, war der jetzige Dom zum Bersten voll, obwohl Gestapo- Leute ganz unverhohlen hinten in der Kirche ihre Notizen machten und sicher auch Teilnehmer am Gottesdienst schriftlich festhielten.“ [7] Die Ernennung und Weihe Ruschs zum Bischof war für viele überraschend gekommen, sogar für Sigmund Waitz und zudem ohne Verständigung der nationalsozialistischen Behörden von Rom durchgeführt worden. „Gemäß geltendem Konkordatsrecht musste Gauleiter Hofer nicht konsultiert werden. Das fasste er wohl als persönliche Beleidigung auf; umso härter wurde sein Hass.“ [8] Daher erkannten die staatlichen Stellen Rusch nicht als Oberhirten der Administratur an. „Seine Eingaben bei Behörden wurden nicht beantwortet oder kamen zurück mit dem Vermerk >>Kaplan Rusch<<. […] Gauleiter Hofer – dessen Traum ein kirchenloser Gau war – gab Rusch nun der Hetzjagd preis. Man durfte mit dem neuen Bischof nicht kommunizieren. Er verlangte die Übersiedlung von Rusch nach Salzburg, was dieser aber verweigerte. Die Reichsbehörden beschlagnahmten sein Automobil und delogierten ihn aus seiner Wohnung.“ [9] Der Bischof wurde dennoch nie verhaftet, denn Hofer hatte hierfür keinen Rückhalt bei den Berliner Behörden, sehr wohl aber für die Schließung vieler Klöster und Kirchen in Tirol, die Einberufung zahlreicher junger Priester in den Militärdienst und die Deportation des Provikars Lampert, der Pfarrer Neururer oder Gapp, die später im Konzentrationslager sterben sollten. „Angesichts der brutalen Kirchenverfolgungen verfasste Bischof Rusch am 2. März 1940 unter Mitwirkung des Seelsorgeamtsleiters Mons. Michael Weiskopf eine Gedenkschrift, die er durch Boten an den damaligen Nuntius Cesare Orsenigo schickte. Nachdem sie dann an den Heiligen Stuhl weitergeleitet und von Radio Vatikan teilweise veröffentlicht worden war, kam es zu einem längeren Verhör des Oberhirten, der dann unter Drohungen freigelassen wurde. An Stelle des Oberhirten wurden aber Provikar Lampert, Kanzler Lechleitner und Seelsorgeamtsleiter Weiskopf verhaftet.“ [10]

„Bei Kriegsende war der Innsbrucker Bischof Paulus Rusch bereits sieben Jahre als Apostolischer Administrator im Amt. Von der Tiroler NS-Führung nicht anerkannt und meist nur als >>Kaplan<< tituliert“ [11] , sah sich Rusch mit hartem politischen Alltag konfrontiert. „Es gab Verfolgungen, denen Gläubige und Priester seiner Diözese ausgesetzt waren. Verhaftungen sowie Schulverbote und Gauverweise tüchtiger Seelsorger, Klosteraufhebungen etc. kennzeichneten die Situation.“ [12] Zu alledem beauftragte Pius XII. den Innsbrucker Bischof Schriftstücke heimlich an Bischöfe im deutschsprachigen Raum weiterzuleiten, was er niemals persönlich tat. „Rusch reiste nicht selbst, sondern schickte junge Priester um die Botschaft zu überbringen. Für diese gefährliche Mission lernten die kirchlichen Kuriere die Botschaften auswendig – im Falle einer Verhaftung durften keine schriftlichen Beweise vorliegen.“ [13] Er benützte die Kontakte der Priesterbrüder Schramm, die Nachkommen einer preußischen Offiziersfamilie waren und diverse Ministerialbeamte in Berlin kannten. Wie unschwer zu erkennen ist, hielt sich Rusch aus gefahrvollen Situationen, die seinen persönlichen Einsatz erfordert hätten heraus. Vermutlich war er daher auch „ […] nicht bereit, die Zeit zwischen 1938 und 1945 aufzuarbeiten. Er verweigerte die Öffnung der kirchlichen Archive und war nicht bereit, die Seligsprechungsprozesse für die ermordeten Priester und Ordensleute zu fördern. Rusch weigerte sich auch, gegen den vormaligen Gauleiter Hofer vor Gericht auszusagen.“ [14] Diese Weigerung wird oft von namhaften Historikern als Stärke und versöhnende Maßnahme seitens des Bischofs ausgelegt, auch wenn diese Interpretation wohl ziemlich gewagt sein dürfte. „Bischof Rusch hat es vermieden, in irgendeiner Form Rache zu nehmen. Bis zu seinem Tod hat er jedem die Tür gewiesen, der belastendes Material aus der Zeit des Nationalsozialismus gegen irgend jemanden haben wollte. Selbst gegen Franz Hofer, der nach 1945 mit einer kurzen Untersuchungshaft davonkam und 1975 in Mülheim an der Ruhr in Deutschland als wohlhabender Kaufmann starb, hat Rusch keine Klage erhoben.“ [15] In diesem Sinne ist es auch nicht verwunderlich, dass für den Historiker keine schriftlichen Quellen aus dieser Zeit aufzufinden sind, was heute meist mit dem von den Nationalsozialisten ausgeübten Druck auf die damalige Kirche entschuldigt wird. „Sehr vieles, was damals geschehen ist, wurde bewusst nicht aufgeschrieben und nicht fotografiert, nicht aufbewahrt und nicht hinterlassen, um treue kirchliche Mitarbeiter und ihre Familien nicht zu gefährden.“ [16] Die reale Gefahr der Nationalsozialisten war sicherlich enorm, dennoch trug auch die Verweigerung Ruschs sich mit der Vergangenheit auseinanderzusetzen zur Quellenarmut bei, was wiederum in der Gegenwart eine tendenziöse Geschichtsschreibung enorm begünstigt.

Es gibt einen weiteren undurchsichtigen Moment bezüglich des Widerstands des Bischofs gegen den Nationalsozialismus. Durch eine Krankheit, die sich Rusch beim Besuch eines Soldaten zugezogen haben soll, musste er des Öfteren von der öffentlichen Bildfläche verschwinden. „Bischof Paulus ist zu Mitte des Krieges von einer bösen Infektionskrankheit befallen worden, die ihn noch weit bis in die Jahre nach dem Krieg manchmal fast bis zur Arbeitsunfähigkeit behindert hat.“ [17] Leider existieren keine Beweise für eine Behandlung und die damaligen Ärzte schweigen über die Vorkommnisse. Faktum bleibt, dass Rusch öfters wochenlang verschwunden blieb und die Amtsgeschäfte von seinen Mitarbeitern geführt werden mussten.

Über die ersten Jahre seines Wirkens sind die Beurteilungen über Bischof Rusch nahezu einheitlich positiv gestaltet, vor allem was seine Akzeptanz bei der katholischen Jugend betraf. „Das beste Zugpferd für die Pfarrjugend unseres Landes war gewiss Bischof Paulus. Er gab klare Weisungen, er unterstützte, wo immer er konnte, die neue Jugendarbeit. […] Die Herzen der Jugend flogen dem jungen Bischof nur so zu (trotz seines zurückhaltenden, reservierten Charakters).“ [18] Rusch verschaffte der Kirche nach Ende des Weltkrieges eine gute Ausgangsbasis für einen Neuaufbruch, musste er quasi von vorne beginnen, nachdem während der NS - Herrschaft 10.000 Katholiken aus der Kirche ausgetreten waren. „Dieser bestand darin, dass die katholische Kirche strukturell den Erfordernissen der Nachkriegszeit angepasst und auch die kirchenpolitische Orientierung von den Notwendigkeiten der realen Lebenssituation der Bevölkerung heraus vorgegeben wurde.“ [19] Seine Beliebtheit bei der Tiroler Bevölkerung in dieser schwierigen Zeit scheint unbestritten. Rusch „[...] wurde zum >>Sozialbischof<<, zum Liebling der Jugend, er galt als Zeit aufgeschlossen, ja, seiner Zeit voraus.“ [20] Am Dringlichsten war für den Neuaufbruch in Gesellschaft und Kirche die Schaffung von neuem Wohnraum, für die durch den Krieg und das Flüchtlingselend obdachlos gewordene Bevölkerung. Rusch meisterte diese Aufgabe durch massive Mithilfe seitens der Katholischen Jugend, die durch ihren unentgeltlichen Arbeitseinsatz erheblich zum Image des „roten Bischofs“ beitragen konnte. So ging auch der Wiederaufbau der kirchlichen Institutionen flott voran. „Neben dem sozialen Wohnbau entstanden innerhalb von 25 Jahren 24 neue Gotteshäuser, über 200 Kirchen wurden renoviert, Pfarrzentren und katholische Kindergärten gegründet. Das neue Priesterseminar in Hötting, das Bischöfliche Gymnasium Paulinum in Schwaz, das Haus der Begegnung in Innsbruck, das Bildungshaus Matrei am Brenner und auch das eigene Studentenheim in der Universitätsstadt galten als Prestigeobjekte der Kirche Tirols.“ [21] Durchzuführen war all dies nur möglich gewesen, da Rusch gute Kontakte zur heimischen Politszene pflegte, man sprach in die 70er Jahren sogar von der so genannten „Schwarzen Dreifaltigkeit“: Innsbrucks Bürgermeister Alois Lugger, Landeshauptmann Wallnöfer und Bischof Rusch. Dass besonders in Tirol eine entsprechend enge Verbindung von Kirche und Regierung unübersehbar gegeben war, lässt sich rückwirkend noch für das Jahr 1981 feststellen. „Anlässlich der Bischofsweihe Stechers erinnerte Landtagspräsident Josef Thoman daran, dass ehedem die Tiroler Bischöfe im Landtag vertreten waren und dass heute, obgleich die äußere Verbindung zwischen Staat und Kirche gelöst sei, in Tirol immer noch eine enge Verbindung durch die Religiosität des Menschen gegeben sei, was sich nicht zuletzt in dem einstimmigen Landtagsbeschluss über die Präambel zur Landesverfassung gezeigt habe, in der unter den geistigen, politischen und sozialen Grundlagen des Landes die >>Treue zu Gott<< an erster Stelle stehe. Anschließend übereichte Thoman dem Bischof eine besondere Anfertigung dieser Präambel.“ [22]

Die weiteren Akzente seines Wirkens setzte Rusch vor allem auf die Familie, die christliche Gestaltung der Tiroler Gesellschaft, die Förderung der katholischen Jugendorganisationen, die Intensivierung des Pfarrlebens und die Vertiefung der Liturgie. „Nicht zuletzt sollte dies erreicht werden durch den Auf- und Ausbau der Katholischen Aktion. Sein Verständnis für die Arbeiterschaft und ihre Probleme führten zu einer besonderen Förderung der Katholischen Arbeiterbewegung und der Arbeiterjugend.“ [23] Oft wird in diversen schönfärbenden Quellen Bischof Rusch die Idee zur Gründung der Katholischen Arbeiterjugend positiv angelastet, in Wirklichkeit war Rusch zu Beginn seiner Tätigkeit nicht für die Existenz einer KAJ in Tirol zu überzeugen gewesen.

Über dies hinaus gilt Rusch der Initiator des Hirtenbriefs von 1956; der versuchte, das traditionell belastete Verhältnis mit der SPÖ und der Sozialdemokratie zu verbessern. „Er [der Hirtenbrief; Anm.] wurde mit bahn brechend für das neue Verhältnis von Kirche und SPÖ. So erklärte deren Klubobmann Bruno Pittermann auf dem Parteitag 1956: Ich möchte vorerst meiner freudigen Genugtuung Ausdruck geben, dass in einem Hirtenbrief in Österreich erstmalig der ernsthafte Versuch unternommen wird, dem demokratischen Sozialismus Gerechtigkeit zuteil werden zu lassen.“ [24] Auch bei einigen Bereichen war Rusch der erste der österreichischen Bischöfe, der neue Akzente setzte. „An erster Stelle ist hier das soziale Engagement von Bischof Rusch zu nennen, das sich nicht nur im Sozialhirtenbrief aus dem Jahre 1957 niedergeschlagen und ein Umdenken innerhalb der österreichischen Kirche, ja sogar in der Politik eingeleitet hat, sondern vor allem auch die Verwirklichung diverser Wohnbauprojekte, die mit dem Namen des Innsbrucker Oberhirten untrennbar verbunden sind.“ [25] Diese Projekte wurden mit Beharrlichkeit und Erfolg durchgezogen. „In solchen Aktivitäten kam das soziale Bewusstsein des Innsbrucker Bischofs sehr deutlich zum Tragen, das auf mehreren Säulen ruhte. Dazu gehörten zweifellos die Erfahrungen als Bankangestellter und seine dabei erworbenen finanzwirtschaftlichen Kenntnisse aus der Zeit, bevor er in das Priesterseminar eingetreten war, eine von der katholischen Soziallehre geprägte Einstellung zur Industrie, zu ArbeiternehmerInnen wie –geberInnen und sein theologisch-philosophisches Verständnis von Mitmenschlichkeit und praktizierter Solidarität.“ [26]

Bischof Rusch machte stets einen der Realität überlegenen Eindruck und war nach eigener Einschätzung ein sehr pflichtbewusster Mensch, der sich dennoch wenig um seinen Ruf und seine gesellschaftliche Akzeptanz kümmerte. „Meine Aufgabe ist es nicht, beliebt zu sein, sondern meine Pflicht zu tun.“ [27] In seinem Auftreten gab er sich stets distanziert; er konnte kaum Kontakt zu den einfachen Leuten aufnehmen, auch wenn er sich um deren Sorgen und Nöte persönlich zu kümmern versuchte. Er war das, wie er gerufen wurde - „Exzellenz“. „Rusch war ein Intellektueller durch und durch. Philosophisch und theologisch hoch gebildet und in der scholastischen Disputation erfahren.“ [28] Zusätzlich waren die Sturheit und Beharrlichkeit der berühmte „i- Tupfen“ seines Charakters. „Seine autoritäre Art verschaffte uns in den damals von den Russen besetzten östlichen Bundesländern den Ruf, Tirol und Vorarlberg lägen in der >>Ruschischen Zone<< ...“ [29] . Zu diesem Erscheinungsbild passt es auch, dass Rusch ein Einzelgänger war, der keine Konkurrenz neben sich dulden konnte. „43 Jahre lang war er der höchste geistliche Würdenträger Tirols und doch kannte ihn niemand. Nicht einmal seine engsten Mitarbeiter. Er war verschlossen, introvertiert und hatte nur wenig Vertraute. Und dennoch gilt er als einer der bedeutendsten Kirchenmänner des 20. Jahrhunderts in Österreich.“ [30]

Die späten Jahre seines Episkopates sind von zunehmendem Unverständnis gegenüber der Gesellschaft Tirols und den einzelnen katholischen Gruppierungen im Land geprägt. Die Gesellschaft und auch die Kirche hatten sich seit dem Krieg massiv geändert. Speziell die Einstellung der Jugend zur Kirche – Tatsachen, die Rusch nicht mehr verstehen konnte. Bischof Paulus Rusch sah die Kirche immer als einen zur Wehr gezwungenen Eliteverband, der im Kampf die Einheit des Glaubens, sowie die zeitlose Gültigkeit der christlichen Botschaft zu verkünden hatte. Die Gesellschaftskritik der späten 60er und frühen 70er Jahre, welche die Kirche lediglich als verknöcherten und zu reformierenden Machtapparat verstand, war ihm aufgrund seiner eigenen Biographie fremd. Schmerzlich traf es den alternden Bischof, dass innerhalb der Tiroler Kirche Kleriker wie Sigmund Kripp und Meinrad Schumacher im Geiste ihrer Zeit Reformen an der regionalen Kirche durchführen wollte, die eindeutig die traditionelle bischöfliche Handschrift trug. Zu Beginn setzte er sich gegen die Angriffe zur Wehr, es rollte etwa der Kopf von Sigmund Kripp, woraufhin die Medien Rusch in die Zange nahmen. „Das PROFIL [sic!] brachte das Titelbild: Rusch als Herodes trägt eine Schüssel mit dem abgeschnittenen Kopf von Sigmund Kripp. Als dann im selben Jahr das Jugendzentrum Z6 gesperrt wurde, war das Maß voll. Auch die letzten Medien machten den Bischof nicht mehr die Mauer, das Z6 bekam viele Sympathiebeweise aus der Bevölkerung und tatkräftige Hilfe seitens der Politiker. […] Von jetzt ab galt Rusch als Hort des Traditionalismus, wurde häufig angegriffen und in den Medien lächerlich gemacht. Von vielen verlassen, wandte er sich wieder den Traditionsverbänden zu. Schützen und Vereine bekamen wieder eine Chance.“ [31] Am Ende seiner Amtszeit wählte er den Rückzug, wodurch „[…] er zum Spottbild des liberalen Bürgertums, der Studenten und Akademiker, aber noch viel mehr seiner geliebten Arbeiterjugend“ [32] geworden war.


Literaturliste

Alexander, Helmut: Kirchen und Religionsgemeinschaften in Tirol, in: (Hg.) Dachs, Herbert u.a., Geschichte der österreichischen Bundesländer seit 1945, Band 3: (Hg.) Gehler, Michael, Tirol. Land im Gebirge: Zwischen Tradition und Moderne, Wien 1999.

„Der janusköpfige Hirte“; in: Echo 10/2003, 5. Jahrgang.
Fußenegger, Jakob: Zeitzeuge eines Jahrzehnts – 1938 bis 1948. Ein Priester erzählt, Dornbirn, 1988.
Gelmi, Josef: Geschichte der Kirche in Tirol. Nord-, Ost- und Südtirol, Innsbruck, 2001.
Ingenhaeff, Wolfgang: Lehrer, Richter, Hirten. Die Bischöfe Tirols, Innsbruck 1981
Kathpress, 23. Juli 1963, Nr. 169
Kathpress, 23. November 1973, Nr. 270
Kathpress, 23. November 1973, Nr. 270
Liebmann, Maximilian: Österreich; in: Gatz, Erwin (Hg.): Kirche und Katholizismus seit 1945. Band 1: Mittel-, West- und Nordeuropa, Paderborn-München-Wien-Zürich, 1998.
Schumacher, Meinrad: In meines Herzens Einfalt ... Persönliche Anmerkungen zur Tiroler Kirchengeschichte der Jahre 1945 bis 1980, Innsbruck 1997.
Tschol, Helmut: Die Katholische Kirche; in: Dokumentationsarchiv des österreichischen Widerstandes (Hg.), Widerstand und Verfolgung in Tirol 1934-1945. Eine Dokumentation, Bd. 2, Wien 1984, Seite 1-284; Dok. 371.
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[1] Fußenegger: Zeitzeuge eines Jahrzehnts, Seite 56.
[2] „Der janusköpfige Hirte“; in: Echo 10/2003, 5. Jahrgang, Seite 79.
[3] Ebd., Seite 79f.
[4] Kathpress, 23. Juli 1963, Nr. 169, Seite 1.
[5] Fußenegger: Zeitzeuge eines Jahrzehnts, Seite 53.
[6] Siehe dazu: Chronik der Propstpfarrei St. Jakob in Innsbruck, 30.10.1939; in: Tschol, Helmut: Die Katholische Kirche; in: Dokumentationsarchiv des österreichischen Widerstandes (Hg.), Widerstand und Verfolgung in Tirol 1934-1945. Eine Dokumentation, Bd. 2, Wien 1984, Seite 1-284; Dok. 371, Seite 180.
[7] Schramm, Heinz: Im Widerstand, Seite 2.
[8] Fußenegger: Zeitzeuge eines Jahrzehnts, Seite 53.
[9] „Der janusköpfige Hirte“, Seite 80.
[10] Gelmi, Josef: Geschichte der Kirche in Tirol, Seite 519.
[11] Alexander, Helmut, Kirchen und Religionsgemeinschaften in Tirol, Seite 404.
[12] Kathpress, 23. November 1973, Nr. 270, Seite 2.
[13] „Der janusköpfige Hirte“, Seite 80.
[14] „Ebd., Seite 80.
[15] Gelmi, Josef: Geschichte der Kirche in Tirol, Seite 522.
[16] Fußenegger: Zeitzeuge eines Jahrzehnts, Seite 104.
[17] Ebd., Seite 115.
[18] Ebd., Seite 132.
[19] Alexander: Kirchen und Religionsgemeinschaften in Tirol, Seite 404.
[20] Schumacher: In meines Herzens, Seite 29.
[21] „Der janusköpfige Hirte“, Seite 81.
[22] Gelmi, Josef: Geschichte der Kirche in Tirol, Seite 542.
[23] Kathpress, 23. November 1973, Nr. 270, Seite 2.
[24] Liebmann, Maximilian: Österreich; in: Gatz, Erwin (Hg.): Kirche und Katholizismus seit 1945, Seite 291.
[25] Alexander: Kirchen und Religionsgemeinschaften in Tirol, Seite 405.
[26] Ebd., Seite 407.
[27] Zitiert nach: Ingenhaeff, Wolfgang: Lehrer, Richter, Hirten. Die Bischöfe Tirols, Innsbruck 1981, Seite 148. [28] Schumacher: In meines Herzens, Seite 32.
[29] Ebd., Seite 33.
[30] „Der janusköpfige Hirte“, Seite 78.
[31] Schumacher: In meines Herzens Einfalt, Seite 31.
[32] „Der janusköpfige Hirte“, Seite 82.

Dr. Rudolf Fallmann 2004

 

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