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  • Streiflichter zur katholischen Kirche Innsbrucks während der so genannten 68er Revolution

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    Streiflichter zur katholischen Kirche Innsbrucks während der so genannten 68er Revolution
    Situation des Jesuitenordens&title=Konflikte in der Jugendarbeit
    Literaturliste und Fußnoten
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    1) Zur besonderen Situation des Jesuitenordens in Innsbruck

    Nicht allein durch die Dominanz der Jesuiten an der theologischen Fakultät, sondern auch durch die Führung des damals größten Jugendzentrums Europas für Mittelschüler und Studenten in Innsbruck, der Marianischen Kongregation (MK), waren die Jesuiten ein dominanter gesellschaftlicher Faktor der kirchlichen Szene. „Der Jesuitenorden ist in erster Linie ein in der Erziehung und Ausbildung engagierter Orden. Er kommt dieser selbst gewählten Aufgabe weltweit in den unterschiedlichsten politischen und gesellschaftlichen Systemen nach. [...] Dies ist wohl nur deshalb möglich, weil der Orden ein Erziehungs- und Bildungskonzept vertritt, das sich grundsätzlich als unpolitisch versteht, dennoch geeignet ist, jedem Gesellschaftssystem zu dienen, und weil er sich der politischen Auswirkungen seines Dienstes entweder nicht bewußt ist, oder sie bejaht, zumindest akzeptiert." [1] Da der Orden direkt dem Papst unterstellt und Teil der katholischen Welt ist, braucht der Orden nicht nationalen Interessen direkt folgen, sondern denkt als Teil einer überregionalen Organisation in anderen Dimensionen. „In diesem Geist [des hl. Ignatius; Anm.] boten sie sich [die ersten Mitglieder der Gesellschaft Jesu; Anm.] und ihr Leben Christus dem Herrn und seinem wahren und rechtmäßigen Stellvertreter auf Erden an und weihten sie sich ihnen. Als Stellvertreter Christi sollte der Papst über sie verfügen. Er sollte sie dahin senden, wo sie nach seinem Urteil fruchtbarer wirken könnten.“ [2]

    Dennoch müssen sich die ordenseigenen Niederlassungen vor Ort mit dem jeweiligen Staat arrangieren, damit sie überhaupt vor Ort arbeiten können - es entsteht somit ein Verhältnis reichend von Konkurrenz, über Duldung bis zu gegenseitiger Unterstützung zwischen dem Orden und dem jeweiligem Staat, so dass echte Solidarität der Institution Kirche nur bei bestimmten Einzelschicksalen spürbar wird. „Dieses unpolitische Verständnis von Pädagogik, das ein ebenso unpolitisches Religions- und Glaubensverständnis offen legt, gibt den Hierarchien der Kirche - die selbst Politik betreiben, aber den ihnen unterstellten Amtsträgern solches verbieten - eine große Machtfülle." [3] Religion soll dem sinnentleerten Staat wieder Inhalte und Werte geben, auf deren Basis er seine Herrschaft legitimieren kann, so P. Kripp.

    Der Jesuit Prof. Dr. Norbert Lohfink wirft Kripp eine zu enge Sichtweise vor: „Pater Kripp verschweigt Fakten. Deshalb ist er undifferenziert. Wenn es im Jesuitenorden bei aller Armseligkeit nicht doch ein gewisses Maß an Einsatz für die Armen der Welt und für die Gerechtigkeit gäbe - warum ist der Orden dann auf allen Kontinenten in so viele Konflikte mit den Mächtigen in Staat und Kirche geraten? Warum wurden allein in den letzten dreißig Jahren zwanzig Jesuiten umgebracht?" [4] In beiden Meinungen sind richtige Punkte enthalten. Die europäisch dominierte Sichtweise P. Kripps reicht sicherlich nicht aus, um den Konflikt des Jesuitenordens mit den Staaten, in denen er arbeitet, ausreichend zu beschreiben. Dennoch hat der Orden für Missstände genügend Platz. Sigmund Kripp kritisierte vor allem die Strukturen, die zu Ungerechtigkeiten führen, was ein notwendiger Schritt zu Transparenz und a-hierarchischer Kommunikation innerhalb der religiösen Gemeinschaften darstellen würde. „Ich bin nicht zuletzt wegen meiner Kritik an diesen Institutionen [Kirche und Orden; Anm.] entlassen worden. ... Beide Institutionen haben noch große Schwierigkeiten, sich von der Öffentlichkeit in die Karten schauen zu lassen, Kritik zu ertragen. Wie könnte es auch anders sein, da beide autoritäre Institutionen sind." [5]

    Diese Beobachtung von Kripp will die Arbeitsstelle des Nationalsekretariats der Gesellschaft Jesu relativieren, wenn sie folgendes publiziert: „Ganz sicher sind in der MC [Marianische Kongregation; Anm.] Mängel verbunden. Wer 400 Jahre existiert, hat neben einer >>ruhmreichen Geschichte<< – sagen wir es einmal – auch seine geschichtlichen Belastungen [sic.].“ [6] Dass diese Belastungen aber analysiert wurden, bestritt Kripp: „Im Jesuitenorden liegt die Erforschung der eigenen jüngeren Geschichte ziemlich brach, jedenfalls hat die Vergangenheitsbewältigung des deutschsprachigen Teils des Ordens nie stattgefunden." [7] Ein weiteres Charakteristikum des Jesuitenordens ist seine große weltweite Machtfülle innerhalb der katholischen Kirche. „Von den Orden hatten die Jesuiten sich die stärksten wirtschaftlichen Positionen erobert. [...] In den USA befindet sich heute [Mitte der 60er Jahre; Anm.] die größte Privatbank der Welt die Banc of America, ehemals Banc of California, zu 51% faktisch in der Hand des Ordens.“ [8] Mohr führt weiter aus, dass 1960 allein die Jesuiten 22 Universitäten und eine große Zahl an Hochschulen und Colleges betreuten, weit mehr als ein anderer Orden – man ist fast versucht zu sagen, dass das jesuitische Bildungsangebot in der Kirche die meiste Resonanz findet. Auch das immer wiederkehrende Bild der Jesuiten als graue Eminenzen führt Mohr exemplarisch an: „Bekannt ist auch der Einfluß, den die beiden Jesuitenpatres Bea und Leiber als Berater bzw. Beichtväter Pius’ XII. ausübten. Auch in den einzelnen Ländern spielten und spielen Ordensgeistliche als Berater, Beichtväter und Seelenführer von Bischöfen und Prälaten eine nicht unwichtige Rolle.“ [9] Diese unübersichtlichen Strukturen machten es für die Jugendlichen in Innsbruck äußerst schwierig, den Machtkampf zwischen Ordens- und Diözesankirche zu verstehen, der in der Schließung der MK als offener Jugendbetrieb endete.

    Der Hauptgegner von Bischof Rusch in den 60er und siebziger Jahren des letzten Jahrhunderts im Lager der Jesuiten war sicherlich Sigmund Kripp, der die Marianische Kongregation leitete, oft auch im Widerspruch zu den elitären bischöflichen Weisungen bzw. Vorstellungen. „Das Kennedy – Haus unter der Leitung Kripps war die erste Institution Jugendlicher, die Politiker und kirchliche Würdenträger in Tirol aufhorchen ließ. Hier warf ein Jesuitenpater mit ein paar hundert Jugendlichen bis dahin geltende Erziehungsnormen über den Haufen und dieser Pater erwuchs für die Jugendlichen zu einer charismatischen Figur, die für die Kirche nur Gefahr bedeuten konnte.“ [10]

    Kripp selbst wurde als junger Erwachsener in den Ordensbetrieb mit all seinen Initiationsriten aufgenommen und musste eine harte Erziehung im Sinne der elitären Spiritualität der 50er Jahre erleben. Andererseits wurde Kripp zum „Täter“: Er erzog Buben selbst in der MK, auch wenn er seine Methoden und Ziele änderte. Kripp war im Vergleich zu Pater Grimeisen (seinem Vorgänger als Leiter der MK) ein Kind einer anderen Zeit: 1968 fand eine Preisgabe von Idealen in Sexualität und Gesellschaft statt, wie sie zuvor noch nicht im anglo- europäischen Raum des 20. Jh. da gewesen war. Der daraus resultierende Konflikt steht paradigmatisch für den Wandel der österreichischen Gesellschaft der frühen 70er Jahre in ihren Werten und Normen, da Erziehung in einer Gesellschaft und zu einer Gesellschaft indirekt über ihre Regeln Aufschluss gibt. Kripps Ausführungen über seine eigene religiöse Erziehung bestätigen diesen Konflikt, der in der Diözese Innsbruck nie thematisch aufgearbeitet, sondern in Machtkämpfen ausgetragen wurde – Stellvertreterkriege lösen aber keine Konflikte. „Die Gesellschaft hatte eine bestimmte Ordnung mit oben und unten, und Gott war so konzipiert, daß seine Gebote nicht in Widerspruch zu bestehenden sozialen Privilegien standen. Eine Konzeption, die mich während meiner ganzen Zeit im europäischen Jesuitenorden begleitete.“ [11]

    „Sexualerziehung gab es in keinem der Internate, die ich besuchte. Über Sexualität wurde nicht geredet, um Reinheit täglich gebetet. De facto wurde natürlich eine repressive Sexualerziehung praktiziert. Sie beruhte auf Förderung der Unkenntnis im Sexualbereich, völliger Separierung vom anderen Geschlecht, Abschirmung gegen Einflüsse von außen, Tabuisierung des Themas. Die Folgen dieser Erziehung drückten sich bei mir in Angst und schlechtem Gewissen aus. In Hinblick auf die Vorerziehung zum Priestertum war besonders das Thema Frau und Mädchen so tabuisiert, daß ich es nicht einmal merkte." [12] Kripp spricht über seine Erziehung im Internat auch die Doppelbödigkeit an - viele Jungen stahlen sich auf Zeit vom Jesuiteninternat weg und lebten die unterdrückten Inhalte der repressiven Erziehung aus. Die Kinder kamen hauptsächlich aus Aristokratenfamilien, Diplomaten- oder Industriekreisen. Mit den kleinbürgerlichen Sprösslingen Innsbrucks hatte es Kripp auch in seiner späteren Rolle als Erzieher im Kennedy-Haus zu tun haben. Diese beschränkte soziale Schicht ist charakteristisch für das Selbstverständnis der elitär geprägten MK. „Aus dem monarchistischen - ersatzweise austrofaschistischen - Elternhaus ergab sich eine völlige Korrespondenz zur monarchistisch-totalitären Kirche, und ich hatte das Verlangen, diese radikale Struktur zu meiner Lebensgrundlage zu machen. Ich suchte nach der totalen Hingabe in einer Ordensgemeinschaft, die sich diese totale Hingabe zum Ordensprinzip gemacht hatte. Treue und ein völlig unkritisches Vertrauen in Autoritäten gehörten zu meinem ethischen Fundament." [13]

    Das Jesuiten-Lexikon bestätigt diese Beobachtung Kripps, auch wenn die Herausgeber nicht so kritisch darüber denken: „Die Verfassung der Kongregation gibt ihnen zwar die monarchische Spitze durch den Präses, doch ist mitbestimmte Eigentätigkeit, Selbstverwaltung und Leben von innen heraus geradezu kennzeichnender Zug einer echten Sodalität, namentlich in dem Rat, der den Führer unterstützt, und dem Aktivismus der nach außen strebenden Arbeitsgemeinschaften für wissenschaftliche, karitative, soziale, apologetische, liturgische, standesrechtliche, aszetische und andere Zwecke.“ [14] Wie die Kinder und Jugendlichen diesen Ansprüchen zur Mit- und Selbstbestimmung in der Kongregation allerdings gerecht werden konnten, steht wohl auf einem anderen Blatt. Da hilft es auch nichts, wenn das Amt des Präses religiös gedeutet wird: „Der Präses ist von seinem geistlichen [sic.] Amt her zu verstehen. Er steht in der Mitte, damit er uns die Anliegen der MC [Marianische Kongregation] bewußt macht und wachhält, er soll der Garant sein, daß nichts einschläft oder zur Routine wird. Darum hieß er zeitweise der Zelator, der Aneiferer, er sollte also der sein, der tote Punkte überwinden hilft, wie sie wohl jeder Mensch an sich beobachten muß.“ [15]

    Kripp äußerte sich im Rückblick nachdenklich über den Beginn seiner Studienzeit in Innsbruck: „Mich beschäftigten hauptsächlich zwei Gebiete: Bis ins Frühjahr hinein engagierte ich mich in der Flüchtlingshilfe anläßlich des Ungarnaufstandes, nachher büffelte ich für die theologische Jahresprüfung. [....] Unter Vorgesetzten und Theologieprofessoren herrschte teilweise eine geradezu ausländerfeindliche Stimmung.“ [16] Vor diesem Hintergrund versuchten die Innsbrucker Jesuiten ihre Studenten in einer isolierten Welt zu erziehen. „Ich wußte nichts von internationalen wirtschaftlichen Zusammenhängen, von der Ausbeutung der Dritte- Welt Länder durch die Industriestaaten, von der Rolle der Kirche und auch des Ordens in der spanischen und in den lateinamerikanischen Diktaturen. Ich hatte keine Ahnung von Marxismus. [...] Über die Ursachen von Armut, sozialer Ungerechtigkeit, Kapitalismus und seine Folgen wußte ich nichts, ja erkannte nicht einmal die Diskussionswürdigkeit dieser Themen. In der Theologie wurden diese Themen nicht berührt.“ [17]

    Auch P. Kettner, geboren 1911, übte Kritik an der Erziehung und der Verwendung der Jesuiten im ordensinternen Rahmen, die den Sinn dieser a-politischen Erziehung noch einmal unterstreicht. „Wir sind verheizt worden; nicht die, die Professoren geworden sind, sondern die, die übrig geblieben sind: überall Löcher stopfen.“ [18] Ein uniformierter, an Hierarchien gewöhnter Mensch eignet sich eher zum Werkzeug und Platzhalter als ein wissender Zeitgenosse. Emil Kettner musste diese Erfahrung bereits in seinem Elternhaus machen. Er entstammte einer besser situierten Familie und bekam ein ähnliches Gottes- und Menschenbild vermittelt wie Kripp. „Mein Vater war Bürgerschullehrer, das war zu dieser Zeit noch etwas. Er war Monarchist, autoritär. [...] Die Mutter war die Güte in Person. Und für mich ist der liebe Gott, bedingt durch den Vater, die alles tragende, regierende Wirklichkeit. Und so gibt es für mich in meinem ganzen Leben keine Glaubenskrisen. [...] auch nicht im Glauben an die Kirche. Eigentlich keine Krise. [...] Nicht daß ich revoltiert habe, aber ich habe mein Leben immer selbst bestimmt. Das mag gegensätzlich klingen: autoritäre Struktur zu Hause, der Orden autoritär und ich immer eigene Wege.“ [19]

    Nachdem Kripp 1973 vom Kennedy-Haus entfernt worden war, setzte ihn der Orden als Erzieher außerhalb der Diözese Innsbruck im Jugendzentrum Fellbach ein. In diesen Jahren erschien ihm die Kirche immer mehr als autoritäres, man möchte fast sagen diktatorisches System. An einer Stelle seiner Autobiographie verglich er sie mit der NS-Zeit: „Wir sind hier an der Quelle der Theorie des Befehlsnotstandes, der so viele Nazis und Militärs nach dem Krieg vor Strafe gerettet hat. Sie waren ja nicht verantwortlich für die Menschen, die sie getötet hatten, sie waren ja durch Eid zum Töten Unschuldiger verpflichtet. Alle autoritären Systeme, egal ob kirchliche oder weltliche, entwickeln Organisationsstrukturen, zu deren Kern das Befehls-Gehorsams-System zählt." [20] Die Entlassung Sigmund Kripps aus dem Jesuitenorden geschah 1984. Ich möchte nicht allzu ausführlich auf dieses Thema eingehen, da Kripp dies in seiner Autobiographie detailliert beschreibt [21] .

    Erwähnenswert erachte ich aber die zu diesem Schritt führenden Gründe. Sie waren erneut Kripps Probleme mit dem Gehorsam gegenüber den Ordensoberen und seiner Weigerung, von ihm publizierte Schriften zuvor von der ordensinternen Zensur überprüfen zu lassen. „Soweit dies möglich ist, müssen wir alle, wie der Apostel sagt, eines Sinnes sein und eine Sprache führen. Voneinander abweichende Lehrmeinungen sollen deshalb nicht zugelassen werden, weder mündlich in Predigten oder Vorträgen noch schriftlich in Büchern, die übrigens nur mit Gutheißung und Erlaubnis des Generaloberen herausgegeben werden dürfen. [...] Die Einheit und Gleichförmigkeit aller mit allen soll mit größter Sorgfalt gepflegt und das Gegensteil nicht geduldet werden.“ [22] Oder noch pointierter zitiert: „Wer sich als Urheber von Spaltung und Zwietracht in der Gemeinschaft, sei es untereinander oder mit ihrem Haupt, erweist, muß mit Entschiedenheit aus der Gemeinschaft ausgeschlossen werden, gleich einer Pest, die sehr ansteckend sein kann, wenn man nicht sofort Abhilfe schafft.“ [23] Nicht von ungefähr kommt das im deutschen Sprachraum geflügelte Wort des Kadavergehorsams: „Man stelle sich darauf ein, daß jeder, der unter dem Gehorsam lebt, sich von der göttlichen Vorsehung durch den Oberen so führen und leiten lassen muß, als wäre er ein Toter, der sich überall hintragen und auf jede Weise behandeln läßt.“ [24]

     


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