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Der hier vorliegende Artikel soll einen kurzen Überblick zur politischen Geschichte Tirols in jener Zeit geben, die umgangssprachlich als „Landwerdung Tirols“ bezeichnet wird. Die folgenden Zeilen erheben keinerlei Anspruch auf Vollständigkeit, können aber eine Orientierungshilfe darstellen.
Kurz vor Christus kam es in dem Gebiet, das wir heute Tirol nennen, durch die Eroberung der hier ansässigen rätischen Bevölkerung zu einer Romanisierung und damit zu einer Einbindung des Gebietes in die politischen, kulturellen und ökonomischen Realitäten des Römischen Weltreiches. Nach diesem Schritt in die schriftlich überlieferte Geschichte wird es erneut dunkel in Tirol, was die überlieferte Quellenlage betrifft – erst im 6. Jh. kann als sicher angenommen werden, dass Bajuwaren vor allem den nördlichen Landesteil erobern und eine massive Einwanderungspolitik betreiben, was eine schrittweise Germanisierung an Inn, Etsch und Eisack zur Folge hat. „In den Süden des Alpengebietes zogen sich Reste der geschlagenen Goten zurück. In der zweiten Hälfte des 6. Jh.s kam das Volk der Langobarden nach Italien und besetze vor allem den Norden des Landes […] das Königreich der Langobarden reichte bis in die Gegend von Bozen. Im Etschtal mussten sie sich gegen die nach dem Süden vordringenden Franken zur Wehr setzen.“[1] Die extrem mangelhafte Quellenlage zur Tiroler Landesgeschichte bis ins 11. Jh. lässt sich damit erklären, dass es kaum Orte in Tirol gab, wo Menschen des Lesens und Schreibens mächtig gewesen wären – Klöster gab es im Vergleich zum Süden Europas kaum in unserer Gegend, fehlte ihnen doch die ökonomische Basis zum Überleben (erst im 10. Jh. wurde große Teile Mitteleuropas gerodet, bzw. die Sümpfe trockengelegt – auch der Siedlungsausbau in Mitteleuropa findet seinen Höhepunkt erst im 12. Jh. und wird bis ins 14. Jh. expansiv andauern).
Doch nun zu der durch schriftliche Quellen gesicherten Geschichtsschreibung. Im 10. Jh. besitzt die Kirche in Tirol, vertreten durch die Bischofssitze Brixen und Trient, den meisten Grund und Boden des Landes, verwaltet von einer weltlichen Führungsschicht, die sich aus den diversen bayrischen Adelsgeschlechtern rekrutierte und deren Einflussbereich bis Friaul reichte. „Das Bergland am Inn, Eisack und an der Etsch wurde aber allmählich aus Baiern gelöst. Um die Hauptwege nach Italien in sicherer Hand zu wissen und die oftmaligen Unbotmäßigkeiten der bairischen Herzöge gegenüber den deutschen Königen zu bestrafen, übertrug Kaiser Konrad II. im Jahr 1027 die Grafschaften Trient, Vinschgau und Bozen an den Bischof von Trient und die Grafschaften im Nori- und Inntal bis zum Ziller an den Bischof von Brixen. Im Jahre 1091 übergab Kaiser Heinrich IV. zudem die Grafschaft Pustertal der bischöflichen Kirche von Brixen.“[2] Brixen wurde im 10. Jh. zur Bischofsstadt und unterhielt neben der Tradition sehr genauer historischer Aufzeichnungen lehenspflichtige Gebiete von Krain bis Regensburg. Bis dato war der Tiroler Raum für machtpolitische Interessen kaum von Relevanz – was sich aber durch die Machtübernahme Otto I (962 n. Chr.) schlagartig ändern sollte. „Von den 80 Heerzügen, welche die Kaiser in der Zeit von 950 bis 1250 über die Alpen nach Italien zur Gewinnung der Kaiserkrone und zur weiteren Sicherung ihrer Herrschaft unternahmen, gingen etwa 45 über den Brenner.“[3] Um das römische Kaisertum im Stil eines Karl des Großen zu erneuern, mussten Otto der Große und seine Nachfolger nach Rom reisen, um vom Papst zum Kaiser gekrönt werden zu können. Damit wurde das Gebiet zwischen dem Herzogtum Bayern und der Mark von Verona interessant, war es gleichsam das Nadelöhr zum Süden. „Die zentrale Rolle Tirols als Durchzugsland bei Italienzügen und als bevorzugtes Bindeglied zwischen >>regnum Teutonicum<< im Norden und >>regnum Italiae“ im Süden begründete nun die große strategische Bedeutung dieses Gebietes. Darauf ist es in erster Linie zurückzuführen, dass die Herrscher im 11. Jahrhundert auch in diesem Raum Grafschaften an >>zuverlässige<< Bischöfe verliehen, auf deren Bestellung man damals noch weitgehend Einfluss nehmen konnte.“[4] Otto I ordnete in diesem Sinne an, öffentliche Aufgaben und Gewalten an die Bischöfe zu übergeben, die aufgrund des Zölibats kein erbliches Amt innehatten.
Ihre Bestellung war vom Herrscher und nicht nur von den kirchlichen Gremien abhängig. „In diesem Zusammenhang erhielten die Bischöfe von Trient und Brixen in der ersten Hälfte des 11. Jh. von den Kaisern die Grafschaftsgewalt im Etschtal, einschließlich des Vinschgaus, im Eisacktal und im Tiroler Inntal übertragen.“[5] Schenkungen ausgedehnter Güter durch den Herrscher (in Dankbarkeit für solidarische Arbeit), sowie die Spendenfreudigkeit der gläubigen Untertanen mehrten die materielle Basis der Kirche in Brixen und Trient ernorm. Der Charakter des damaligen Tirol, ein kirchlich regiertes Transitland zu sein, das als Bindeglied zwischen dem päpstlichen Rom und dem römisch-deutschen Kaiserreich fungierte, wurde während des Investiturstreits im 11. Jh. zum Problem. Sollte dem Kaiser oder dem Papst die Treue gehalten werden – für Heinrich IV oder für Papst Gregor VII Partei ergreifen? Während der Salzburger Erzbischof klar auf Seiten des Papstes verharrte, war der Brixener Bischof Altwin die Stütze des Kaisers, wodurch er und seine Nachfolger Privilegien erreichen konnten. Kaiserliche Rechte, wie etwa Bergbau zu betreiben, Münzen zu prägen und Zölle einzuheben wurde im 12. Jh. die Grundbedingung zur Ausbildung von geschlossenen Territorien, beherrscht von bischöflichen Landesherren.
Der in Tirol lebende Adel ist in den Quellen der entsprechenden Zeit kaum erwähnt, dennoch gab es adelige Geschlechter bayrischer Abstammung, deren Eigentum sich über weite Entfernungen erstreckte. Für die landesherrlichen Bischöfe waren die Adeligen Hilfe bei der Einhebung von Abgaben, notwendig für die Ausübung der Gerichtsbarkeit und zudem hatten sie das Kommando über militärische Aufgebote. Diese „Vogtei“ (so war die Amtsbezeichnung der Adeligen) forderte eine entsprechende Entlohnung: Teile des Kirchenbesitzes gingen somit an die Adeligen, was ihre Machtbasis verstärkte und sie auf längere Sicht in ein Konkurrenzverhältnis zu den Bischöfen treten ließ. Die einzelnen Grafengeschlechter waren es auch, die den Ausbau von Befestigungsanlagen förderten, auf denen sie ihnen untergebene Beamte (so genannte „Ministerialien“) einsetzten. Die neu eingerichteten Klöster erwähnten nicht nur in ihren Gründungsurkunden namentlich die einzelnen Adelsgeschlechter: die Grafen von Eppan (sie herrschten von der Überetsch bis nach Trient), Morit- Greifenstein (vom Bozner Becken bis ins Pustertal), Tirol (Meran bis Vinschgau), Görz (im Wesentlichen das heutige Osttirol) und Andechs (nördlich der Wasserscheide, im Inntal und der Innsbrucker Raum). In den Städten Trient und Brixen herrschten die Bischöfe selbst, benötigten im Zentrum ihrer Macht auch keine „gräfliche Hilfe“. Dennoch sollte diese Rivalität in der Geschichtsschreibung nicht zu stark betont werden, waren der damalige Adel und die kirchlichen Herren doch miteinander verwandt und arbeiteten nicht zuletzt aus diesem Grunde größtenteils zusammen. Nachdem die Grafen von Morit – Grafenstein, welche die Vogtei über Brixen innehatten, um 1165 ausgestorben waren, erbten die Grafen von Eppan die Vogtei, mussten diese aber ebenso einige Jahrzehnte später an die Andechser übergeben. 1209 kam es zur Ächtung des Heinrich von Andechs, dem vorgeworfen wurde, bei der Ermordung des deutschen Königs Phillipp seine Finger im Spiel gehabt zu haben, wodurch die Andechser der Vogtei von Brixen verlustig gingen, welche nun in die Hände der Grafen von Tirol wechselte. Dieses Geschlecht hatte seit längerem die Vogtei über Trient inne und war nun durch die beiden Ämter mit einer gewissen Machtfülle gesegnet.
Die Grafen von Tirol werden ab 1140 n. Chr. urkundlich erwähnt, besaßen Teilherrschaften in Kärnten, Brixen bzw. dem Freisinger Raum und waren in jener Zeit eine wichtige Stütze Kaiser Friedrich Barbarossas und seiner Nachfolger. Albert III (ca. 1200 bis 1253) gelang durch diese historischen Gegebenheiten (Kaiser Friedrich II beauftragte den Tiroler Grafen für ihn einige Kriegszüge in Oberitalien durchzuführen, was Albert erfolgreich absolvierte), effizienter Förderung der Wirtschaft in seinem Herrschaftsgebiet und der Ausschaltung der konkurrierenden Grafen von Eppan der Aufstieg zum „Graf von Tirol, Vogt der Kirchen von Trient und Brixen“. Nur ein Grafengeschlecht konnte den Aufstieg des Tiroler Grafen noch bremsen – die Andechser Grafen, waren sie nun vom Verdacht der Ermordung des früheren deutschen Königs Phillipp frei gesprochen worden. Daher verheiratete Albert seine erste Tochter Elisabeth mit Otto von Andechs und seine zweite Tochter Adelheid mit Graf Meinhard III von Görz. Zusätzlich zu diesem Schachzug verbriefte er sein Recht, die Herrschaft über die Kirchen von Trient und Brixen an seine Töchter und Schwiegersöhne erblich weiterzugeben. 1248 starb der letzte Andechser Otto sehr jung, wodurch der trauernde Schwiegervater Albert III von Tirol nun legitimer Erbe des Andechser Besitzes war. „Bis zu seinem Tod 1253 kontrollierte damit erstmals ein Tiroler Graf Bereiche, die sich auf beiden Seiten des Alpenhauptkamms erstreckten: Der Vinschagu, das Burggrafenamt, das Becken von Bozen, Teile des Eisacktales, das Tiroler Inntal zwischen Zirl und Ziller.“[6] Dennoch muss an dieser Stelle festgehalten werden, dass es sich hier um kein geschlossenes „Land“ im territorialen bzw. rechtlichen Sinne handelte und dass nach dem Tod Alberts der Komplex erneut aufgeteilt wurde: den Norden erhielt seine Tochter Elisabeth und ihr zweiter Ehemann, Graf Gebhard von Hischberg, den Süden bekam Alberts Tochter Adelheid und ihr Mann Graf Meinrad III von Görz. Letztere schenkten einem Sohn das Leben, der in die Fußstapfen seines Großvaters treten sollte: Meinhard II – oft auch als „Landesschmied von Tirol“ bezeichnet.
(Autor: Dr. Rudolf Fallmann)
[1] Harb, Hölzl, Stöger: Tirol. Texte und Bilder zur Landesgeschichte, Innsbruck 1982, Seite 29.
[2] Harb, Hölzl, Stöger: Tirol. Texte und Bilder zur Landesgeschichte, Innsbruck 1982, Seite 32.
[3] Harb, Hölzl, Stöger: Tirol. Texte und Bilder zur Landesgeschichte, Innsbruck 1982, Seite 41.
[4] Brandstätter, Klaus: Zeit und Raum; in: Eines Fürsten Traum. MeinhardII. - Das Werden Tirols, Ausstellungskatalog, Schloss Tirol/Stams 1995, Seite 61.
[5] Riedmann, Josef: Das entscheidende Jahrhundert in der Geschichte Tirols (1259-1363); in: Eines Fürsten Traum. MeinhardII. - Das Werden Tirols, Ausstellungskatalog, Schloss Tirol/Stams 1995, Seite 32.
[6] Riedmann, Josef: Das entscheidende Jahrhundert in der Geschichte Tirols (1259-1363), Seite 36.